DIE NESTBESCHMUTZER
Über Witold Gombrowicz und Thomas Bernhard.
Vortrag gehalten an der Universität Karlsruhe im Jahre 1995, in deutscher Sprache.
In polnischer Sprache: im Früjahr 1997 in Krakau, Breslau, Opole, Przemysl,
jeweils an dortiger Österreichischen Bibliothek.
Was ist schon dabei, daß ihr euch nicht in Grodno, Kutno oder in Jelinsk befindet? Hat sich jemals ein Mensch woanders als in sich befunden? Ihr seid bei euch, auch wenn ihr euch in Argentinien oder in Kanada befindet, denn das Vaterland ist nicht ein Platz auf der Landkarte, sondern die lebende Wirklichkeit des Menschen . Witold Gombrowicz an im Exillebende Landsleute.
Als Witold Gombrowicz im Sommer 1939 von einer Schifffahrtgesellschaft zur Jungfernfahrt nach Argentinien eingeladen wurde, ahnte er nicht, daß er nie wieder seinen Fuß auf den polnischen Boden setzen würde. Kaum war er in Buenos Aires eingetroffen, brach der zweite Weltkrieg aus. Nach dem Krieg entschied sich Gombrowicz dem kommunistischen Polen fernzubleiben. Er blieb in Argentinien, hauste in den schlechteren Wohngegenden von Buenos Aires und führte, bis Ende der fünziger Jahre, im Kreis zahlreicher argentinischer Freunde, das Leben eines polnischen Außenseiters. Seine Schriften in spanischer Sprache, darunter die Übersetzung seines Romans Ferdydurke , der kurz vor dem Krieg in Polen für Aufsehen gesorgt hatte, fanden in Argentinien ein Echo erst nachdem seine Werke in Frankreich erschienen waren. Plötzlich war Gombrowicz, mit den Worten Rolf Fieguths, "hochberühmt und Preisgekrönt, wie sein argentinischer Wiederpart Jorge Louis Borges. Er war in seinem Bemühen erfolgreich, sich selbst,[...] vermittels seiner Romane, Erzählungen, Stücke und vor allem seines Tagebuchs zu einer Figur der Weltliteratur zu machen, wie Don Quijote oder Hamlet".
Südamerika aber hatte Gombrowicz zu dem Zeitpunkt bereits verlassen. Er verbrachte ein Jahr in Berlin und fünf weitere Jahre in Frankreich, wo er 1969 in Vence bei Nizza starb. In Berlin, nicht einmal 100 km von der Grenze entfernt, hatte er fast polnische Luft riechen können. Näher als in Berlin gelang es ihm nicht an Polen heranzu kommen. Aus seiner Wohnung in der Bartningallee konnte er, wie er sagte, die Mauer sehen, und viel weiter, als ob dahinter nicht mehr die Stadt sei, "sondern nur eine Weite, eine gigantische, bis nach China". In Polen entfachten regimetreue Intellektuelle zu dieser Zeit eine von der kommunistischen Partei gesteuerte [üble] Kampagne gegen ihn. Zum Anlaß nahmen sie seine Äußerungen zum Thema Polen, Deutschland und der Krieg, die in der polnischen Presse verzerrt veröffentlicht worden waren. Die Kritiker, die ihm mangelnden Patriotismus vorwarfen, konnten reichlich aus Gombrowicz Werken zitieren. Zum Beispiel, die folgende Passage:
Es ist nicht wahr, daß Grojec etwas mehr als ein entsetzliches Provinzloch war, in welchem einst eure graue Existenz gekümmert hat. Nein, das ist eine Lüge: Radom war niemals ein Gedicht, nicht einmal bei Sonnenaufgang! Sie sind nicht wundervoll, nicht unvergeßlich, die dortigen Blumen - aber Elend, Schmutz, Krankheiten, Langeweile und Unrecht umringten euch auch damals wie heulende Hunde dunkler polnischer Dörfer in der Dämmerung.
Oder was Gombrowicz in Bezug auf den polnischen Katholizismus zu sagen hatte:
Mich, der ich schrecklich polnisch bin und schrecklich gegen Polen aufgelehnt, ärgerte immer das polnische kindliche Weltchen, das sekundäre, geregelte und fromme. Die polnische Bewegungslosigkeit in der Geschichte schrieb ich diesem zu. Die polnische Impotenz in der Kultur - denn uns führte Gott am Händchen. Diese artige polnische Kindlichkeit stellte ich der erwachsenen Selbstständigkeit anderer Kulturen gegenüber. Dieses Volk ohne Philosophie, ohne Bewußtsein der Geschichte, intellektuell weich, geistig schüchtern, ein Volk, das sich nur zu einer "biederen" und "braven" Kunst aufgeschwungen hat, ein aus dem Leim gegangenes Volk lyrischer Versschreiberei, der Folklore, der Pianisten, der Schauspieler, in welchem sich sogar die Juden auflösten und Ihr Gift verloren... Meiner literarischen Tätigkeit leuchtet die Idee, den polnischen Menschen aus allen sekundären Wirklichkeiten heraus und ihn unmittelbar in Berührung mit der Allwelt zu bringen - soll er sich Rat geben, wie er kann. Ich möchte ihm seine Kindlichkeit zerstören. [...]
Wir sind groß, [nur] im Rausch, unsere Nüchternheit aber ist küchenhaft, und davon daß wir Größe mit Nüchternheit in Einklang zu bringen verstünden, ist keine Rede.
"Erbärmlich", schreibt Gombrowicz, "ist diese polnische Kultur, die nur bindet und fesselt". Folgerichtig, fällt sein Urteil über polnische Literatur ähnlich aus: sie sei "fatal verflacht und heruntergekommen, schwächlich und ängstlich". Was Polens 1918 wiedererlangte Unabhängigkeit und die ganze Vorkriegsperiode anbetrifft, schlägt er ebenfalls harte Töne an. Die Unabhängigkeit habe sich als "schwerer und demütigender als die Knechtschaft" erwiesen. "Solche Umgestaltung ging über unsere Kräfte, unsere Freiheit war nur scheinbar, sogar in der Struktur des Volkes selber steckte Falschheit und Gewalt". "In dieser unbequemen knienden Stellung begrüßten wir die Unabhängigkeit". "Das gebar eine Atmosphäre der Unwirklichkeit, der Stümperei, der Groteske... "
Solche Zitate, aus dem Kontext gerissen, waren wie für die kommunistische Propaganda geschaffen.
2.
Noch schärfer setzte sich mit seinem Land und seinen Landsleuten der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard auseinander. Der fiktive Erzähler eines fiktiven Reiseberichts offenbart sich auf folgende Weise:
Als eine perverse Öde und eine fürchterliche Stumpfsinnigkeit empfand ich mein Land. Ich sah, wo ich auch hinschaute, nur Häßlichkeit und Gemeinheit, eine häßliche und verlogene und gemeine Natur und häßliche und gemeine und verlogene Menschen, das absolut Schmutzige und Gemeine und Niederträchtige dieser Menschen.[...] dieses ganze widerwärtige, schließlich nurmehr noch bestialisch stinkende Österreich mit allen seinen gemeinen und niederträchtigen Menschen und mit seinen weltberühmten Kirchen- und Kloster- und Thetaer- und Konzertgebäuden ist vor meinen Augen in Flammen aufgegangen und abgebrannt.
So weit der fiktive Erzähler. Einer tatsächlichen Dank rede Thomas Bernhards zur Verleihung des sogenannten Kleinen Österreichischen Staatspreises ist folgendes Zitat entnommen:
Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist.
Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozeß der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft.
Wir haben nichts zu berichten, als daß wir erbärmlich sind, durch Einbildungskraft einer philosophisch-ökonomisch-mechanischen Monotonie verfallen.
Mittel zum Zwecke des Niedergangs, Geschöpfe der Agonie, erklärt sich uns alles, verstehen wir nichts. Wir bevölkern ein Trauma, wir fürchten uns, wir haben ein Recht, uns zu fürchten, wir sehen schon, wenn auch undeutlich im Hintergrund: die Riesen der Angst.
Was wir denken, ist nach gedacht, was wir empfinden, ist chaotisch, was wir sind, ist unklar.
Wir brauchen uns nicht zu schämen, aber wir sind auch nichts und wir verdienen nichts als das Chaos.
Ich danke in meinem und im Namen der hier mit mir Ausgezeichneten, dieser Jury, ganz ausdrücklich allen Anwesenden.
Später erzählt Bernhard folgendes über den weiteren Verlauf der Zeremonie :
alles in allem hatte mein Vortrag nicht länger als drei Minuten gedauert, [doch] war der Minister [...] empört von seinem Sitz aufgesprungen und hatte mir die geballte Faust ans Gesicht geschleudert. Wutschnaubend hat er mich vor allen Anwesenden auch noch einen Hund genannt und hat den Saal verlassen nicht ohne hinter sich die Glastür mit einer solchen Gewalt zuzuschlagen, daß sie in tausende Scherben zersplittert ist. (WN116)
Seit er angefangen hatte, kurze Presseartikel zu veröffentlichen, noch in den 50-er Jahren, wurde das Werk Thomas Bernhards und seine öffentlichen (meistens gedruckten) Auftritte von öffentlichen Figuren übelgenommen und von vielen solchen Eklats begleitet. Bis zur provokativen Premiere seines letzten Stücks, Heldenplatz, am Wiener Burgtheater, nur wenige Monate vor seinem vorzeitigen Tod, arbeitete der Schriftsteller gewissenhaft, wenn auch ohne große Mühe, an seinem Ruf eines Störenfrieds.
In Salzburg gab er gleich zweimal Anlaß zum Skandal - 1972 zog er sein Stück wegen eines Streits um Abschaltung des Notlichts zurück, 1976 tat er dasgleiche als der Direktor des Festivals sich weigerte, sein Stück anzunehmen ohne es gelesen zu haben. Da er trotz seiner Auftritte (seine Kritiker sagten "dank"seiner Auftritte) einer der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller war, mußte man seinen Namen bei jeder Preisverleihung berücksichtigen - in manchen Fällen an erster Stelle. Die Veranstalter des Anton Wildgans Preises versuchten die Kontroverse zu vermeiden, indem sie Bernhard seinen Preis einfach per Post zuschickten, die des angesehenen Grillparzer Preises hatten weniger Glück - es kam zum Eklat, trotz aller Bemühungen. Den Sitz in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hatte er zwar 1976 angenommen, die Zeitbombe war aber für drei Jahre später eingestellt: Bernhard tritt ostentativ aus der Darmstädter Akademie aus, als Protest gegen den Eintritt des ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel. Politikern gegenüber war er besonders unnachgiebig. Allen voran attackierte er Baden Württembergs Ministerpräsidenten Filbinger, ehemaligen NS-Richter, der es auch mehr als die anderen verdiente. Aber es traf auch Kanzler Kreisky, Finanzminister Vranitzky, Präsidenten Waldheim und eine Reihe weiterer sogenannter Spitzen des Staates, des "schon seit Jahren unter pseudosozialistischer Präpotenz in sich selber delirierenden Kleinstaates", des "schon längst zur Provinzschnurre verkommenen Kleinstaates, mit dem sich ein denkender Mensch schon lange nicht identifizieren kann", wie Bernhard anmerkte. Die Staatsmänner ließen sich nicht auf die Kontroverse ein, im Gegensatz zu denen, die Bernhard verklagten.
Seine verbalen tätlichen Angriffe auf den österreichischen Staat und auf die Katholische Kirche und zunehmend auch auf den subventionierten Kulturbetrieb seines Landes, werden immer vermessener - seine Schimpfkanonaden werden zu einem konstanten Faktor, es scheint, er braucht sie, um seinen angegriffenen Kreislauf in Bewegung zu halten.
Als man ihm die Ehre gibt, ihn den größten literarischen Nestbeschmutzer Österreichs zu nennen, antwortet Bernhard mit dem Argument, daß es nicht mehr sein eigenes Nest sei, daß er im Ausland sowieso besser arbeiten könne und daß er sich in Österreich sowieso als ein Emigrant fühle. Eine innere Emigration muß es gewesen sein, denn er kehrte immer wieder in seine oberösterreichische Heimat zu seinen vier Immobilien, die er dort besaß, zurück, selbst zu der Zeit, da er die Wintermonate im Süden verbrachte. Schließlich enterbt Bernhard Österreich - er verbietet in seinem Testament den Druck seiner Werke im Land, und er sperrt seine Stücke für die österreichischen Bühnen - und zwar für 70 Jahre, d.h. für die gesammte urheberrechtlich geschützte Periode.
3.
Witold Gombrowicz, polnischer Schriftsteller, eine Generation älter als Bernhard, fühlte sich gleichfalls im inneren Exil, bevor er, durch Zufall, ins wahre Exil gelang. Wie Bernhard, mied er keine Kontroverse und benahm sich oft genug äußerst provokativ. Mit einem besonderen Vergnügen, auf diese Weise, scheint er sich mit seiner Sprache auseinander zu setzen, seiner Literatur und seinen Landsleuten.
Wie Bernhard hatte Gombrowicz eine sehr kritische Einstellung dem Staat und der Kirche gegenüber, aber er konnte es nur im Bewußtsein dessen äußern, daß der polnische Staat (der etwas weniger als ein Staat war) nach dem Krieg nur eine beschränkte Souveränität hatte und die polnische Kirche (die etwas mehr war als eine Kirche) die einzige erlaubte Institution war, die die wahren Ansichten und Interessen der Polen vertrat.
Im Gegensatz zu Österreich, war es in Polen möglich, einen Schriftsteller zum Schweigen zu zwingen - indem man seine Bücher nicht zuließ - genauso war es möglich zu verhindern, daß er sich öffentlich gegen die propagandistischen Vorwürfe wehrt. G' Werke wurden in der VR Polen, mit 3 Ausnahmen in der Zeit des sogenannten Tauwetters (Ende der 50er Jahre), mit einem Druckverbot belegt. In Paris gedruckt, wurden sie dennoch sowohl im Exil als auch in Polen gelesen. Seinen polnischen Lesern, sowohl im Ausland als auch in der Heimat fiel es schwer, sich solch radikaler Vivisektion zu unterziehen. Manche fühlten sich beleidigt, einige waren empört. Gombrowicz war aber stur - demonstrativ versuchte er immer nur sich selbst treu zu sein und lehnte die, durch die besonderen historischen Bedingungen den Schriftstellern auferlegte Pflicht ab, die gemeinsamen Interessen der Nation vor die des Individuums zu stellen.
4.
Die Etikette, die Bernhard von den Landsleuten verpaßt wurde - der konservative Anarchist - paßte gleichermaßen zu Gombrowicz. Und Bernhard würde sich wohl auch von der folgenden Äußerung Gombrowicz' nicht distanziert haben: "Ja, ein Schriftsteller soll verletzend sein. Das ist genau so wie in der Liebe: man muß sich an den lebendigen Körper durch die Kleidung hindurch heranmachen".
Zwei Schriftsteller, denen es nicht allzuviel ausmachte, alle Heiligtümer hoffnungslos zu besudeln, zwei Schriftsteller, die mit Recht - jedenfalls aus der Sicht derer die diese Ansicht waren - Nestbeschmutzer genannt wurden. Außenseiter, die es in die Mitte der Ereignise zog.
Beide hatten ein streitsüchtiges Temperament (Bernhard war etwas mehr in seinen Zorn verbissen), ein pessimistisches Empfinden, eine lebhafte Intelligenz mit Neigung zum Widerspruch und ein außergewöhnliches Talent zur Übertreibung. Konflikt, Pessimismus, Widerspruch, Übertreiben. Konflikt war ihr Element, im Konflikt konnten sie ihre Argumente am besten formulieren und entwickeln, als Menschen versuchten sie eine Brücke zu ihrem Gegenüber gerade durch ihr Nicht-Einverstanden-Sein zu bauen. Den Kampf verstanden sie als aktiver Widerstand, selbst wenn der Widerstand dem Angriff voranging. Sie waren Pessimisten, die allmählich gelernt hatten, gut mit ihrem Pessimismus zu leben. Widerspruch, Paradox war das Sokratische bei ihnen, war ein logisches Instrumentarium, -war die Weise, auf die sie ihr Denken praktizieren konnten, -war ein Beweis der Unabhängigkeit und somit eine Garantie der Freiheit. Was die Übertreibung betrifft, nur im Übermaß (oder im Mangel) lassen sich einige einzigwichtige (ja, es gab davon mehrere) Dinge sehen. "Im Dunkeln beginnt man zu sehen."
Ihre Gedanken über die Heimat verstanden sie als einen wesentlichen Teil ihrer Weltsicht und sie bemühten sich, ihre Meinungen über die Heimat mit ihrer Weltsicht in Einklang zu bringen - was sie nicht unbedingt in Einklang mit ihren Zeitgenossen brachte. Sie gliederten ihre Beobachtungen zum Thema Heimat und Landsleute in ein Netz der von ihnen definierten Kategorien, die ihr -nicht allzusystematisches- System bildeten. Nicht zufällig, scheint mir, befand sich im Zentrum dieser Systeme der Schriftsteller selbst, Witold Gombrowicz und Thomas Bernhard.
Beide waren Egozentriker - freimütige und offenherzige Egozentriker, wenn nicht Megalomanen -Ruhmsüchtig vor allem in ihrer letzten Phase, als sie spürten, daß die Krankheit ihnen nicht mehr viel Zeit ließ. Die 4 ersten Eintragungen im Gombrowicz' Tagebuch lauten: Montag. Ich. Dienstag. Ich. Mittwoch. Ich. Donnerstag. Ich. Und Thomas Bernhard soll schon als Junge gesagt haben, das einzige, was ihn interessiere, sei sein steinernes Denkmal" seiner selbst. Beide wollten durch den anderen, auch durch den Leser, bestätigt haben, daß sie existieren, indem wahrgenommen wird, das sie schreiben. Sie wollten sich im Geiste des anderen prägen. Jeder Satz ist vom Verlangen erfüllt, sich als Person zu kreieren. Nach dem Motto: Ich, der Schriftsteller, spreche zu dir, um in Erscheinung zu treten, um mich als Schriftsteller zu zeigen, d.h. mich zu verwirklichen.
5.
Als sie ihre manchmal grotesken Spiele in der Literatur sowie im Leben betrieben, verlangten beide zugleich, daß Literatur ernstgenommen werden muß. Für die beiden war Literatur das A und O, Mittel und Zweck ihrer Existenz. Und um ihre Existenz ging es in ihrem Leben sowie in ihrem Werk. Die einzigwichtige Funktion des Erzählens ist nicht zu erzählen (selbst wenn beide mit Erzählen ständig beschäftigt waren) sondern existentielle Probleme der Menschen, besser: des Menschen, zu verdeutlichen, jede Situation als Existenzsituation zu entziffern. Nur vom Leben kann Literatur verifiziert werden, obwohl das Leben des Schriftstellers durch Literatur verifiziert wird.
Die Verifizierung ist zunächst negativ. Daher das ständige Bedürfnis zu enthüllen. "Ich bin geboren, um euer Spiel zu demaskieren" - sagt Gombrowicz im Tagebuch - Meine Bücher sollen euch nicht sagen: "sei, wer du bist", sondern: "du täuschest vor, der zu sein, der du bist". Demaskieren, enthüllen - ein Zeichen, wie bei Strindberg, ungeheuerer innerer Spannungen, die Gombrowicz und Bernhard zum Schreiben zwingen. In allen drei Fällen findet dieser Drang seinen Ausdruck im Theater. Sie brauchen es ständig, im Schreiben und im Leben, zu enthüllen, und das heißt, auch sich selbst zu enthüllen, sich gegen sich selbst zu wenden, sich zu offenbaren, manchmal exhibitionistisch, manchmal mit Masochismus. Sie brauchen es, sich selbst auszulachen, so wie sie die anderen, die Ihrinigen, wenn auch nicht Ihresgleichen, auslachten. Zu schonungslosen Enthüllungen waren beide fast nie unfähig und beinahe immer bereit, beide ließen sich vom Sich-Selbst-Enthüllen zusätzlich anregen. Sich selbst und das Ihrige, die Ihrigen. Sein parodistisches Talent zeigt Gombrowicz am besten, wenn es um eine Parodie seiner sozialen Klasse geht - siehe Ferdydurke , den dritten Teil, der sich auf einem Guthof eines Adligen abspielt. (Was die Kritik an allem anderen nicht ausschließt - nur ist sie nicht so engagiert, siehe z.B. Beobachtungen in Berliner Notizen ). Sie sind gleichfalls kompetente Beobachter der Sphären, die dem kollektiven "Ich" entsprechen: meine Familie, meine Heimat, mein Land, nicht zuletzt mein Beruf - selbst auch wenn sie es als Berufung betrachten.
Was halten Gombrowicz und Bernard von Begegnungen mit anderen Schriftstellern? Bei beiden finden wir den gleichen autoironischen Ton. Bei Gombrowicz: "Nichts ist kompromittierender für einen Künstler als ein anderer Künstler. Wahrlich, ein Künstler sollte auf die andere Straßenseite wechseln, wenn ihm ein anderer Künstler entgegenkommt. [...] Wenn ein Künstler einem anderen Künstler begegnet, werden beide zu Mitgliedern des Pen-Clubs.
Und bei Bernhard: Ich habe die Wiener Kaffeehäuser immer gehaßt, weil ich will ja nicht ununterbrochen mit mir konfrontiert sein, schon gar nicht im Kaffeehaus, in das ich ja gehe, damit ich mir entkomme, aber gerade dort bin ich dann mit mir und mit Meinesgleichen konfrontiert. Ich ertrage mich selbst nicht, geschweige denn eine ganze Horde von grübelnden und schreibenden Meinesgleichen. Ich meide die Literatur, wo ich nur kann, weil ich mich selbst meide, wo ich nur kann und deshalb muß ich mir den Kaffeehausbesuch in Wien verbieten oder wenigstens immer darauf Bedacht nehmen, wenn ich in Wien bin, unter keinen wie immer gearteten Umständen ein sogenanntes Wiener Literatenkaffeehaus aufzusuchen. Aber da ich an der Kaffeehaussuchkrankheit leide, bin ich gezwungen, immer wieder in ein Literatenkaffeehaus hineinzugehen ..."
Ersetzt man das Wort Kaffeehaus mit "Österreich", Literatenkaffeehaus mit "Literarisches Österreich" oder "Oberösterreich", versteht man besser den Mechanismus vom Nestbeschmutzen. Es ist Identifizierung und Distanzierung zugleich.
6.
Das Werk von Bernhard kan als ein einziger Ruf nach Echtheit betrachtet werden. Das von Gombrowicz - als eine Aufforderung, unsere Bilder als Trugbilder zu entlarven. Was aber nicht Natürlichkeit zu bedeuten hat. Denn, erst wenn der Mensch versucht natürlich zu sein, erreicht er Höhepunkte der Falschheit. Wir sind immer künstlich. "Künstlichkeit sogar in den allerintimsten Reflexen - dies ist das Element des menschlichen Wesens, das dem Zwischenmenschlichen untergeben ist" - schreibt Gombrowicz im Tagebuch. In Wirklichkeit spielen wir nur immer, sagten unermüdlich Gombrowicz u Bernhard. Sie waren beide Theatermacher. Abgesehen davon, daß sie ihr Leben spielten, ihr Spiel lebten - sie schrieben Prosa mit erstaunlicher Theatralik, was sie letztendlich zum Theater geführt hat. Obwohl beide das größte Publikum als Theaterautoren erreicht haben, übrigens auch im Ausland, war die Prosa wichtiger für ihre Entwicklung. In einem gewissen Sinne ist das, was ein Kritiker über Heldenplatz gesagt hat, für jedes Bühnenstück von Bernhard zutreffend: "Die bernhardsche Wortmaschine und Redemühle zermalmt schließlich alles, zuletzt auch die Wut, den Haß, den Sinn des Stückes."
Die Entschlossenheit, mit der sich Bernhard und Gombrowicz seiner schriftstellerischen Aufgabe hingab -so unterschiedlich ihre Werke auch waren- läßt an Samuel Beckett denken. Das Wahre ist letzten Endes für Bernhard, wie für Beckett, das Letzte, Endliche, das Leben als Einweihung in Krankheit und Tod - und es ist eher Anregung, Aufregung, Zorn als Liebe. Für Beckett ist die Geburt die Ursache, für Bernhard die Krankheit - sie beide suchen nach Ursachen ihrer unüberwindbaren Enttäuschung. Gombrowicz dagegen geht es vor allem darum, den Mechanismus zu verstehen, Denkprozesse, Gefühlsmuster zu entziffern, die Menschen irreführen und deformieren.
Gombrowicz fand die Echtheit in der Jugend, Beckett im Alter, Bernhard in Krankheit, die für ihn in jedem Augenblick als memento mori vor den Augen schwebte. Um mit den symmetrischen Kontrasten im Leben Bernhards u. Gombowicz' zu spielen, heiratete Gombrowicz, der immer die Jugend priviligiert hatte, kurz von seinem Tod, eine dreißig Jahre jüngere Frau. Bernhard dagegen, lernte als er knapp 20 war, die 35 Jahre ältere Hedwig Stavianicek kennen - sie taucht in seinen Büchern immer wieder als "mein Lebensmensch" auf.
Mit oder ohne Lebensmensch an der Seite, sie waren meistens alleinstehend. Und allein wie sie waren, hatten sie viel mehr Zeit mit anderen verbracht als man es sich vorstellt. Günter Grass, der sich an Gombrowicz' Berliner Aufenthalt von 1963/64 erinnert, geht auf Gombrowicz' Freudschaft mit Ingeborg Bachman ein, mit der Bemerkung, daß sie die Einsamen zu spielen pflegten, während sie ständig von anderen Leuten umgeben waren. "Beide betrieben [praktizierten] eine sehr aktive Einsamkeit", so Grass über Gombrowicz und Bachmann. Das gilt auch für Thomas Bernhard, toutes proportions gardees. Übrigens, waren beide mit der Bachmann befreundet, Gombrowicz und Bernhard, und sie fühlten jeder zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, mit Bachmann lange Gespräche über Einsamkeit.
Maurice Nadeau - der Mann, der Gombrowicz für die Welt entdeckte, indem er als erster wagte, Ferdydurke zu veröffentlichen, sagte über Gombrowicz: "Vielen von uns hat er geholfen, das verborgene Ich zu entdecken - ohne falsche Scham. Wie zu seiner Zeit Anre Gide und später Henry Miller, war Gombrowicz ein Befreier. Unter modernen Schriftstellern sehe ich ihn neben Samuel Beckett, Malcolm Lowry und Thomas Bernhard.
7.
Aus sozialer, geographischer, geschichtlicher und schließlich auch aus menschlicher Sicht bewegten sich Bernhard und Gombrowicz in verschiedenen Lebensbahnen.
Gombrowicz, wurde 1904 200km südlich von Warschau geboren, und starb im Ausland im Alter von 65 Jahren. Bernhard, geboren 1931 in Holland (wo seiner unverheirateten Mutter die Scham über die uneheliche Geburt erspart wurde), erlebte nicht seinen 59 Geburtstag als er in Gmunden, seiner oberösterreichischen Heimat, etwa 200 km östlich von Wien, starb. Beide fingen sehr früh an zu schreiben, zu einem Zeitpunkt wo ihre Lebenserfahrungen kaum weiter voneinander hätten entfert sein können. Gombrowicz wuchs, von französichen Gouvernanten verwöhnt auf, als Kind besuchte er Österreich und Deutschland, wo seine Familie, Grundbesitzer und Industrielle, gerne die Sommerfrische genossen. Nach dem Abitur in einem exklusiven Warschauer Gymnasium, studierte Gombrowicz Jura, das er mit 22 Jahren - und mit viel Glück, wie er selber fand - abschloß. Um sein Erwachsen werden hinauszuschieben schrieb er sich am Pariser Institut des Hautes Etudes Internationales ein, wurde aber nach einem halbjährigen Aufenthalt in den Pyrenäen von den verzweifelten Eltern zurück nach Polen zitiert. Danach, bevor er beschloß, sich ausschließlich der Literatur zu widmen, arbeitete er kurz als Referendar an einem Warschauer Gericht.
Bernhard hatte über seine Lehrjahre wenig Erfreuliches zu erzählen. Ein Schicksalsschlag folgte auf den anderen - zahlreiche Trennungen von der Mutter, erniedrigende Armut und Kriegsentbehrungen, Bombenangriffe auf Salzburg, herzlose Lehrer. Mit 16 verließ er das Gymnasium, um eine Lehre - in einem Lebensmittelgeschäft - zu beginnen. Sie endete mit seiner Erkrankung an Rippenfellentzündung, die rasch zu Lungentuberkulose führte. Es folgten Aufenthalte an verschiedenen Lungenheilstätten, die ihn beinahe 2 Jahre kosteten. Währenddessen starb sein Großvater, der Schriftsteller Johanes Freumbichler, sein geistiger Vater (sein leiblicher Vater, den Thomas nie kennengelernt hatte, beging Selbstmord im Krieg). Kurz danach starb seine Mutter an Krebs. Von dieser Zeit an muß sich Bernhard lebenslang zahlreichen Operationen und Behandlungen unterziehen. Seine Hoffnung Opernsänger zu werden (er hatte zuvor Gesangs- und Musikunterricht genommen) wurden durch die Krankheit zunichte gemacht. Auch das Studium am Schauspielseminar des Salzburger Mozarteums konnte er nicht abschließen. Der Krankheit jedoch verdankt Bernhard seine Entscheidung, Schriftsteller zu werden. Für den Bettlägerigen war die Literatur die Rettung, zuerst las er enorm viel, später began er zu schreiben. Dies verdankt er der Krankheit und er wird seiner Krankheit damit belohnen, daß er sie in seinen Werken zur Hauptfigur macht. Schon in seinen Initialen verbarg sich - lebenslang - die Krankheit: TB.
8.
Bernhards Aufstieg vom Berichterstatter der salzburger Lokalpresse (Anfang der 50-er Jahre schrieb er Berichte aus dem Gerichtssaal) zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren war relativ langsam. Er nutzte persönliche Beziehungen - manchmal zu denen, die er später brüskierte - um seine erste Gedichte und Prosatexte zu veröffentlichen und die Aufmerksamkeit der Kritiker auf sich zu ziehen.
Gombrowicz' Werkgeschichte beginnt mit Erzählungen, die provokativ vom Populären, ja Küchenhaften, nicht zurückschraken und mit einem Theaterstück aus dem Jahre 1935, das erst ein Vierteljahrhundert später uraufgeführt wurde. Mit dem Erscheinen seines Romans Ferdydurke wurde der 33-jährige Autor schlagartig berühmt und zugleich, seiner Frechheit, den gesellschaftlichen und nationalen Heiligtümern gegenüber, berüchtigt. Ferdydurke enthält im Keim fast alle Hauptmotive und Grundkategorien Gombrowicz'.
Auch der Roman Frost , den Thomas Bernhard 1963, also im Alter von 32 Jahren, veröffentlichte, liefert im hohen Grade den besten Schlüssel zum Verständnis seines übrigen Schaffens. Allerdings ist die Poetik beider Romane sehr unterschiedlich. Ferdydurke ist voller Parodie, paradoxerweise fast heiter, mit dem elan eines jungen Aufwieglers geschrieben, und sehr, sehr spitzfindig und künstlich. Über Frost dagegen schwebt die düstere Atmosphäre winterlicher Kälte, die Welt wird als Schlachthaus gezeigt, mittels protokolarischer Niederschreibung von Gefühls- und Gedankeneruptionen des verzweifelten Helden. Die Energie, die das Werk animiert ist die der Selbstzerstörung. Beide, Ferdydurke und Frost sind moderne Bildungsromane.
Nach Frost , ist die weitere literarische Laufbahn Thomas Bernhards eine ständige Kurve nach oben - sein Talent entwickelt sich rasch und dynamisch. Mit 35, nach der Bestandaufnahme des Unglücks seiner Jugend, befindet sich Bernhard auf den besten Weg zur literarischen Anerkennung. Neben zahlreichen Erzählungen und einigen wichtigen Romanen ( Verstörung Korrektur, Kalkwerk ) gelingt ihm der Vorstoß zum Drama - seine Stücke werden von den besten Schauspielern gespielt (Minetti, Dene, Voss, Buhre, Ganz, Wessely) und seine langjährige Zusammenarbeit mit Klaus Peymann öffnet ihm das Tor zum - früher ihm nur verhaßten Burgtheater - ein Angebot, das er mit größtem Vergnügen ablehnt.
Gombrowicz' Weg zur literarischen Verwirklichung nach Ferdydurke war im Vergleich komplizierter und länger, seine Existenz prekär bis gut in die fünfziger Jahre - zwangsläufig vom Krieg und von seiner Emigration beeinflußt. In den ersten Jahren, so schreibt er später, [war in mir] "unter der Einwirkung des Krieges, der Potenzierung der "niederen" Kräfte und der regressiven Kräfte [...] eine Irruption irgendeiner verspäteten Jugend geschehen", es kam zu homosexuellen Erfahrungen, zu denen sich Gombrowicz mit erstaunlicher Offenheit bekennt. Erst Ende der vierziger Jahre kommt er wirklich zur Literatur zurück. Er schreibt Erzählungen, den Roman Trans-Atlantyk , das Theaterstück Die Trauung , widmet sich spanischen Übersetzungen. Einen weiteren kreativen Anstoß bekommt er von Jerzy Giedroyc, der das Institut Litteraire Kultura führt - zuerst eine Exilzeitschrift, dann auch ein Verlag in Maison-Lafitte bei Paris. Giedroyc druckt Romane und Dramen von Gombrowicz und erklärt sich bereit, seine Notizen zu veröffentlichen. So entsteht, in Abschnitten, über eine Zeit von 14 Jahren hindurch, 1953-66, Tagebuch , ein sonderbares Werk, das Portrait eines wirklich unabhängigen Schriftstellers, der für Gombrowicz bei weitem das breiteste Publikum eroberte. Es half ihm zum originellsten Schrifsteller der polnischen Literatur der Gegenwart und gleichzeitig zu einem Weltautor zu werden. Neben zahlreichen Polemiken zu polnischen Themen, setzte sich Gombrowicz mit einer Reihe geistiger Fragen, die jetzt noch von größter Bedeutung sind, auseinander.
Sein Weg zur Verwirklichung führte ihn über Paris. Ein Artikel in der pariser Zeitschrift "Preuves" im Jahre 1953 über Ferdydurke zog die Aufmerksamkeit Maurice Nadeaus auf sich. Nadeau betreute die Buchreihe Lettre Nouvelles, und war ein einflußreicher Kritiker, der auch Beckett, George Perec und Autoren des nouveau roman lancierte. Die Erscheinung von Ferdydurke im Jahre 1957 wurde zum Ereignis. Man entdeckte ein exzentrisches Genie, einen polnischen Graf (der er nicht war) aus Argentinien, einen Denker, der noch vor Sartre Existentialist war und sich als erster Strukturalist gab.
Darauf folgten weitere Übersetzungen in viele Sprachen: darunter auch ins Deutsche, von 1958 durch Walter Thiel. Eine vollständige Ausgabe der Werke Gombrowicz begann 1983 der Karl Hanser Verlag. Thomas Bernhard las einige Werke von Gombrowicz in den sechziger Jahren, er sprach über Gombrowicz während seiner Aufenthalte in Polen in den 70-er Jahren. Zumindest in seinen Romanen aus dieser Zeit spürt man einige Affinitäten, in Verstörung fällt sogar der Name Gombrowicz.
Innerhalb von 7 Jahren wurde Gombrowicz zum größten polnischen Schriftsteller. Außer Ferdydurke wurden in rascher Folge früher geschriebene Romane in mehrere Sprachen übersetzt, sowie die zwei neuen: Pornografia (1960) und Kosmos (1965). Die Stücke von Gombrowicz werden in vielen großen Theaterhäusern Europas inszeniert. 1964 kommt es zur europäischen Urauffürung von Die Trauung (der argentinische Regisseur Jorge Lavelli ist jetziger Intendant des Theatre National de la Colline ), 1965 wird Yvonne Prinzessin von Burgund mit grossem Erfolg am Pariser Théâtre de l'Odeon und am Stockholmer Dramaten aufgeführt.
In literarischen Kreisen Europas wurde Gombrowicz auch persönlich gefeiert, trotz seiner spöttisch-ironischen, provozierenden Haltung. Sein leicht extravaganter Habitus, seine betont herrschaftlichen Manieren fallen auf - er gibt sich immer aristokratisch und zugleich ironisiert er sein aristokratisches Antreten. Schließlich wurde er zum Preisträger. 1967 erhält er Internationaler Literaturpreis der Verleger (Prix Formentor), 1988 ist Gombrowicz neben Kawabata Yasunari und Samuel Beckett Kandidat für den Nobelpreis. Der Preis erhält Kawabata. Am 24. Juli 1969 stirbt Gombrowicz im Schlaf. Den Nobelpreis 1969 erhält Samuel Beckett.
9.
Ferdydurke ist ein vielschichtiges Buch. Außer groteskem Humor a la Rabelais , findet man auch Passagen voller luzider Nachdenklichkeit, die an Montaigne erinnern. Neigung zu absurden, facettenhaften Situationen, Penchant für Paradox, Persiflage, deftige Sprache, mal dialektal gefärbt, mal mit Archaismen versetzt - all dies macht es zu einem unverkennbaren Gombrowicz. Ferdydurke ist eine Geschichte eines 30-jährigen, der in einen Gymnasiasten verwandelt wird und sich von der deformierenden Wirkung des gesellschaftlichen Kontakts befreien will: erst in der Schule, wo er zu sehr als Kind betrachtet wird, dann in einer modernen liberalen Familie wo alles erlaubt ist, schließlich auf der Suche nach brüderlicher Identifizierung mit dem einfachen Volk, auf einem Landgut. Das Ambiente ist hoffnungslos polnisch - deshalb die Vorwürfe des Antipatriotismus und Nihilismus von einigen Kritikern, die den Roman als eine geschmacklose, provokative Auseinandersetzung mit polnischer Tradition, Kultur, Literatur - kurzum: mit polnischem Empfinden, bezeichnen. Dem Autor ging es aber vielmehr darum, den Mechanismus des Lebens (als Mit Sich und Miteinander Leben) bewußt zu machen. Der Roman ist mehr als ein Attentat auf die Polnische Tradition: er ist eine moderne conte philosophique wie bei Voltaire, ein Tractat[us] über Menschliche Natur im Allgemeinen, der mit dem Attentat auf die Kultur erst beginnt.
So versteht es auch Bruno Schulz, neben SI Witkiewicz und Gombrowicz, der bedeutendste Schriftsteller polnischer Moderne. Schulz sieht in Fer. eine tiefe Diagnose des Wesens der Kultur. Er betrachtet die wahre Handlung des Romans als ein Ich Drama, das auf der Bühne der Kultur spielt:
Während unser menschlicher Schatten auf der Bühne unseres Bewußtseins seine offizielle, reife und genehme Handlung aufführt, ringt unsere eigentliche Realität hoffnungslos mit der Dummheit und dem Blödsinn, stößt tapsig an Hirngespinste und Unsinnigkeiten in einer Dunkelzone ohne Namen und festen Ort. [...] Gombrowicz zeigt, wie die angeblich reifen und klaren Formen unserer geistigen Existenz ein "frommer Wunsch" sind und eher als ewig angespannte Absicht in uns leben denn als Realität. Als Realität leben wir ständig unterhalb dieser Hochebene...,
In erster Linie, artikuliert Schulz das Problem der Form:
Gombrowicz entdeckt und ermißt erst zur Gänze die großartige Bedeutung des Problems der Form. Man kann mit ihm sagen, die ganze menschliche Kultur sei ein System von Formen, in welchen der Mensch sich selbst sieht und dem anderen Menschen vorkommt. Der Mensch erträgt seine Blöße nicht und kommt weder mit sich selbst noch mit seinen Nächsten anders in Berührung als durch Formen, Stile und Masken.
Seine Haltung war alles andere als die eines leidenschaftlosen Forschers. Dennoch erwies sich Gombrowicz mit der Zeit als Verfasser einer Anthropologie, deren Thesen seine Romane und Dramen erörtern und bestätigen. Der Schlüsselbegriff heißt bei ihm Form. Form ist ein universeller modus vivendi in der Kultur. Auch in der Polen Frage betont er im Tagebuch unermüdlich: "mein Verhältnis zu Polen ergibt sich aus meinem Verhältnis zur Form". Auf die Form beziehen sich alle weiteren Kategorien, wie das Reife und das Unreife, das Niedrige und das Hohe, die Authentizität, die Aufrichtigkeit, die Künstlichkeit, die Masken, die Deformierung, die Degradierung.
Form ist das Vehikel zur Gestaltung eines Menschen durch die Menschen, und etwas, das nicht unmittelbar aus dem Menschen entsteht, sondern nur "zwischen" Menschen geschaffen wird, und etwas dem schließlich jeder unterwofen ist. "Dieser Vorgang der Gestaltung eines Menschen durch die Menschen", erklärt Gombrowicz im Tagebuch, [ist] "unendlich weiter aufgefaßt [...] als im soziologischen Sinne.
Ich bestreite nicht, daß eine Abhängigkeit des Einzelnen vom Milieu besteht, - aber viel wichtiger, künstlerisch viel schöpferischer, psychologisch abgründiger, philosophisch beunruhigender ist für mich dies, daß der Mensch ebenfalls durch einen einzelnen Menschen geschaffen wird, durch eine andere Person. In einem zufälligen Kontakt. In jedem Augenblick. Kraft dessen, daß ich stets und immer "für einen anderen" bin, berechnet für fremdes Sehen, in einer umrissenen Weise nur für jemanden und durch jemanden existieren könnend, existierend - als Form - durch einen anderen. Also nicht darum geht es, daß mir das Mielieu Konvenienzen aufzwingt, oder, um mit Marx zu sprechen, daß der Mensch ein Produkt seiner sozialen Klasse ist, sondern um die Verbildlichung der Berührung eines Menschen mit einem Menschen in ihrer ganzen Zufälligkeit, Unmittelbarkeit, Wildheit, um das Aufweisen, wie aus diesen zufälligen Verbindungen die Form geboren wird - und oft eine am allerwenigsten vorhergesehene, absurde. Denn für mich selber brauche ich ja keine Form, sie ist mir lediglich dazu nötig, damit jener andere mich sehen, erfüllen, erkennen kann.
Mein Mensch ist (...) von außen her geschaffen, also seinem Wesen nach unauthentisch - indem er stets nicht er selber ist, denn ihn umreißt die Form, die zwischen Menschen geboren wird. Sein "Ich" ist ihm daher in jener "Zwischenmenschlichkeit" bestimmt. Ein ewiger Schauspieler, aber ein natürlicher Schauspieler, da ihm die Künstlichkeit angeboren ist, sie stellt ein Merkmal seiner Menschlichkeit dar - Mensch sein heißt Schauspieler sein - Mensch sein heißt einen Menschen spielen - Mensch sein ist "sich behnemen" wie ein Mensch, ohne zutiefst einer zu sein - Mensch sein ist Menschlichkeit rezitieren.
Es ist nicht so, sagt Gombrowicz, daß der Mensch sich seiner Maske entledigen soll - denn außer dieser hat er keinerlei Gesicht - hier kann man nur verlangen, daß er sich seiner Künstlichkeit bewußt werde und sie bekenne. Wenn ich zur Falschheit verurteilt bin, so beruht die einzige mir zugängliche Aufrichtigkeit in dem Bekenntnis, daß Aufrichtigkeit mir nicht zugänglich ist. Wenn ich nie ganz ich selber sein kann, so ist das einzige, was meine Persönlichkeit vom Untergang retten kann, allein der Wille zur Authentizität, jenes trotz allem hartnäckige "ich will ich selber sein", das nichts weiter ist als lediglich eine tragische und hoffnungslose Empörung gegen die Deformierung. Ich kann nicht ich selber sein, und dennoch will ich ich selber sein und muß ich selber sein - dies ist die Antinomie, eine dieser miteinander nicht zu vereinbarenden... und erwartet von mir keine Arzneien für unheilbare Krankheiten. Ferdydurke stellt lediglich diese innere Zerrissenheit des Menschen fest - nichts weiter. "
Diese innere Zerrissenheit des Menschen stellen lediglich beide Schriftsteller fest - mit ihrem gesamten Werk, das eine radikale Abrechnung mit den anderen und mit sich selbst bezeugt. Freilich, eine exaltierte Abrechnung. "Erwartet keine Arzneien..." Mag sein, daß ein anderer Arzneien für unheilbare Krankheiten finden wird. Um danach zu suchen, muß er aber seiner Krankheit bewußt sein. Beide, Gombrowicz und Bernhard, bemühten sich, ihren Zeugen die Diagnose beizubringen. Nicht weiter. Daß sie dabei eigenes Nest beschmutzten? Es muß von einem anderen gereinigt werden.
Marek Kedzierski