Marek Kêdzierski

DeutschlandRadio Berlin WortSpiel
23.10.2001 . 19.05 Uhr

'Die Ungehorsamen - Jahrhundertverleger'
Jérôme Lindon und Editions de Minuit

Eine Sendung von Marek Kedzierski

 

ZTEXT 1: Jérôme Lindon leitete Editions de Minuit 53 Jahre lang. Auf dem berühmten Photo von 1959 steht der junge Mann umgeben von Alain Robbe-Grillet, Claude Simon, Robert Pinget, Samuel Beckett und Nathalie Sarraute vor dem kleinen Gebäude des Verlagshauses unweit von St.Germain-de-Pres. Wenn man sich zwei weitere Mitglieder der "Ecole Minuit" hinzudenkt, Marguerite Duras und Michel Butor, hat man auf einem Bild die repräsentativste Gruppe französischer Schriftsteller dieser Zeit versammelt.
Betrachtet als ein Guru der Verleger, er wurde auch zu einer Besonderheit - in der Zeit der zunehmenden Konzentration und Kommerzialisierung in der Branche, blieb er seiner Idee fixe der Unabhängigkeit treu - sein Haus mit knapp einem Dutzend Angestellten verlegte jährlich über zwanzig Titel, erzielte dabei enorme Erfolge. Einerseits, große Anerkennung in Frankreich und weltweit, die sich in zahlreichen Auszeichnungen widerspiegelt: zwei Nobel-Preisen (für Samuel Beckett und Claude Simon), drei Prix Goncourt (für Marguerite Duras, Jean Rouaud und Jean Echenoz) und alle prestigetragende französische Literaturpreise. Dazu noch verkaufen sich zumindest einige Titel in Millionen-Auflagen. Heute sind die leicht erkennbaren Bände der Editions de Minuit (weiß mit blauer Umrandung und einem obligatorischen blauen Stern) trotz des intellektuellen Rufs des Verlags fast überall zu finden, sogar in Supermärkten und Bahnhofsbuchhandlungen.
Lindon scheute Medien und Presse. Dem Beispiel Samuel Becketts folgend, trat er sehr selten in der Öffentlichkeit auf. Als seine Tochter Irene praktisch die laufende Geschäfte übernahm, äußerte Lindon überraschend den Wunsch, die Bilanz seines Lebens und seiner Zeit zu ziehen. So kam es zu einem mehrstündigen Interview, das im Februar 2000 in den Räumen der Editions de Minuit stattfand.
"Minuit" heißt auf Französisch "Mitternacht". Der Verlag wurde mitten in einer Kriegsnacht im besetzten Paris vom bis dahin unbekannten Buchillustrator Jean Bruller, und dem Autor Pierre de Lescure gegründet. "Als französische Schriftsteller sich, als Frankreich nach der Niederlage 1940 von Deutschland besetzt wurde, mit der Entscheidung konfrontiert sahen, entweder zu kollaborieren oder zu schweigen, wurden die Editions de Minuit gegründet, damit sie sich ohne Wissen des Feindes ausdrücken konnten", erinnert sich Jean Bruller, der - unter dem Pseudonym Vercors - seinen ersten Roman "Das Schweigen des Meeres" bei dem underground-Verlagshaus herausbrachte.
Anne Simonin genoß als einzige Wissenschaftlerin unbegrenzten Zugang zu den Archiven des Pariser Verlagshauses. Sie hat eine ausführliche Monographie über die ersten 15 Jahre der von Minuit publiziert:

TAKE 1 (AS).les éditeurs français ont été quand meme tres compromis par des prises de participation allemande ou par des stratégies un peu compliquées car en général ils ont gagné pas mal d'argent sous l'occupation. Or, il se trouve que Minuit, c'est une maison d'édition qui est née dans la résistance avec Le silence de la mer de Vercors, de Jean- Bruller- Vercors publié en 42. C'est une maison qui va publié 25 textes clandestins ce qui est une performance meme a l'échelles de l'Europe occupée et qui va publié en plus des livres qui sont des objets en général plutôt tres bien faits, ce qui est aussi tres important parce que ça prouvait que malgré l'occupation allemande, et bien, le savoir-faire et peut-etre pas le savoir-vivre, mais le savoir-faire français continuait. Et donc il n'y a pas de squelette dans le placard.
Die französischen Verleger waren immerhin in eine schwierige Lage hineinversetzt, durch die deutsche Beteiligung oder durch etwas komplizierte Strategien, denn im Allgemeinen haben sie unter der Besetzung ziemlich gute Geschäfte gemacht. Editions de Minuit ist ein Verlag, der während des Wiederstands geboren wurde mit "Das Schweigen des Meeres" von Jean Bruller-Vercors. Ein Verlag, der 25 unerlaubte Texte veröffentlichen wird, was eine Leistung im besetzten Europa war, und der im Allgemeinen sehr gut gemachte Bücher publizierte. Auch das ist sehr wichtig, weil das zeigt, daß trotz der deutschen Besetzung, das französische "Savoir-faire" - wenn auch nicht das "Savoir-vivre" - fortbestand. Es gibt also keine Leiche im Keller.

ZText 2 Zu der Zeit, als Kolporteure heimlich Folge-Drucke von Vercors Roman vertrieben, war Jérôme Lindon erst 17 Jahre alt. Er stammte aus einer bekannten jüdischen Familie, unter seinen Vorfahren waren: ein Großrabbiner der Stadt Paris, der berühmte Autohersteller André Citroen, der Philosoph Henri Bergson und sogar Kapitän Dreyfuss. Sein Vater, ein bekannter Jurist, hatte ihn (aus Vorsicht) aus Paris in die unbesetzte Zone in den Süden geschickt. Doch gerade dort engagierte sich der Junge in der Widerstandsbewegung. Kurz vor Kriegende erlebte er seine traumatische Initiation, seinen ersten Kampf. Als der Krieg kurz danach zu Ende war, gelangte Lindon durch freundschaftliche Kontakte zu Kampfgenossen, an den Verlag Editions de Minuit.

TAKE 2+3 (JL) Je crois que je suis le seul, en tout cas le dernier, éditeur français, qui ait fait la guerre, je veux dire. Et donc, j'ai été dans le maquis et effectivement a 18 ans, non, a 19 ans plutôt, et puis, j'ai terminé tout cela, j'avais 20 ans.
Ja, ich glaube, ich bin der einzige Verleger, oder jedenfalls der letzte französische Verleger, der im Krieg war. Ich war also im Maquis (Widerstandsbewegung) mit 18 Jahren - nein, eher mit 19 - und als ich 20 war, war dann alles zu Ende.

TAKE 3 (JL) J'ai eu de la chance. J'ai fais des stages dans l'imprimerie pour pouvoir apprendre ce métier. Et puis, en effet, par le directeur des Éditions de Minuit, qui était dans le meme régiment comme moi, que je n'ai d'ailleurs pas connu pendant la guerre mais dont je savais qu'il était dans le meme régiment, m'a permis d'entrer dans cette maison comme sous-chef de fabrication en 1946 - comme stagiaire en quelque sorte. Et puis, en 47, j'ai travaillé donc officiellement dans la maison et en 48, comme la maison allait tres mal, je me suis retrouvé le seul cadre qui restait. Donc, je suis devenu directeur de cette maison par - comment dirais-je - par suppression des autres, car il n'y avait plus personne dans cette maison. Donc je suis en 1948 par conséquent et avec l'inconscience qu'on a quand on a 23 ans, j'ai assumé, ce que je n'avais pas du tout prévu a l'origine, la charge, enfin la direction, de cette maison. A l'époque, je ne savais pas du tout ce que ça représentait, meme encore je suis un tres mauvais homme d'affaires. Je ne sais pas ce que c'est vraiment ce qu'on appelle un bilan et un compte d'exploitation.
Ich habe Glück gehabt. Ich habe im Druckereiwesen Praktika gemacht, um diesen Beruf zu lernen. Und da gelang es mir doch tatsächlich mit Hilfe des Direktors der Editions de Minuit, der im gleichen Regiment war wie ich - den ich übrigens während des Krieges nicht kennengelernt habe, aber von dem ich wusste, dass er im gleichen Regiment war - in dieses (Verlags)haus 1946 als stellvertretender Produktionsleiter einzutreten, gewissermaßen als Praktikant. 1947 arbeitete ich dann ganz offiziell in diesem Haus und 48 konnte ich als einziger Vorgesetzter bleiben, da es dem Haus sehr schlecht ging. Ich bin also Direktor dieses Verlages geworden durch - wie soll ich sagen - durch Stellenabbau bei den anderen,...denn es war niemand mehr in diesem Haus. Ich habe folglich im Jahre 1948 mit der Leichtfertigkeit eines 23-jährigen das auf mich genommen, was ich ursprünglich überhaupt nicht geplant hatte - die Verantwortung, also die Leitung dieses Verlages. Zu dieser Zeit wusste ich überhaupt nicht, was das bedeutete; ich bin sogar immer noch ein sehr schlechter Geschäftsmann. Ich weiß nicht wirklich, was eine Bilanz und ein Betriebsergebnis ist.

ZText 4 Als Lindon 1948 die Leitung des Verlags übernahm, waren die Minuit-Bücher hauptsächlich mit der Verarbeitung der jüngsten Vergangenheit befasst. Ideologische Debatten, vor allem dem Kommunismus nahestehende Autoren gaben den Ton an. Der junge Verleger, der immer die "wahre" Literatur herausbringen wollte, bediente sich zuerst bei den namhaften Häuser wie Gallimard an den Manuskripten, die man dort ablehnte.

TAKE 4 (JL) . j'ai eu la chance tres vite de connaître une premiere vague d'écrivains, qui était grâce á Georges Lambrichs, qui était dans cette maison comme lecteur. Il y a eu un certain nombre d'auteurs que des Éditions Gallimard, que Gallimard ne voulait plus publier, qui étaient des auteurs tout a fait estimables comme Georges Bataille, comme Pierre Klossowski, comme Maurice Blanchot etc. dont nous avons publié des livres parce qu'ils n'étaient pas pris chez Gallimard.
. mais les Éditions de Minuit ont véritablement commencé en 1950, quand nous avons eu entre les mains les trois premiers manuscrits de Samuel Beckett comme Molloy , Malone meurt et L'innommable , dont on a publié le premier en 1951, le second en 52, le troisieme en 53 et en meme temps on a publié En attendant Godot en 52 aussi.
Ich hatte das Glück, sehr schnell eine erste Autorenwelle kennenzulernen - Dank Georges Lambrichs, der als Lektor in diesem Verlag war. Es gab eine gewisse Zahl von Autoren, die das Verlagshaus Gallimard nicht verlegen wollte. Dies waren so schätzenswerte Schriftsteller wie Georges Bataille, wie Pierre Klossowski, wie Maurice Blanchot usw., deren Bücher dann bei uns erschienen, weil sie bei Gallimard ja nicht genommen wurden.
Aber mit Editions de Minuit begann es eigentlich 1950, als wir die 3 Manuskripte Molloy, Malone stirbt und Der Namenlose von Samuel Beckett in den Händen hielten, von denen wir das erste 1951, das zweite 52 und das dritte 53 veröffentlichten - und 52 auch gleichzeitig Warten auf Godot.

TAKE 5 (JL) Les Éditions de Minuit ont commencé a avoir une existence autonome a mon avis a partir de ce moment-la, meme si c'était une maison qui - sur le plan financier - était indépendante, mais n'avait rien inventé jusque la. Et puis a partir de Samuel Beckett, tout c'est fait a partir de la, parce que, bon Alain Robbe-Grillet est venu aux Éditions de Minuit, parce que nous étions l'éditeur de Samuel Beckett ; Michel Butor aussi est venu a ce moment-la, et puis, filant de l'huile d'autres écrivains sont venus a nous parce qu'on commençait d'exister a cause, précisément toujours, de Molloy .
Meiner Meinung nach, hatten Editions de Minuit erst von diesem Moment an eine unabhängige Existenz. Auch wenn dieser Verlag in finanzieller Hinsicht unabhängig war, hatte er bis dahin nichts erfunden. Alles kam nach Samuel Beckett: Alain Robbe-Grillet stiess zu uns weil wir Samuel Becketts Verleger waren ; Michel Butor ist auch in dieser Zeit gekommen sowie auch weitere Autoren, weil wir uns auf Grund von Molloy eine Existenz aufgebaut hatten.

ZITAT 1: Samuel Beckett MOLLOY
.erst, seit ich nicht mehr lebe, denke ich an solche und andere Dinge. In der Stille, in der meine langsame Auflösung sich vollzieht, schaue ich zurück auf die lange, wilde Erregung, aus dem mein Leben bestanden hat, und halte Gericht darüber, so, wie geschrieben steht, daß Gott über uns Gericht halten wird, und mit der gleichen Anmaßung. Sichauflösen, auch das ist Leben, ich weiß, ich weiß, ermüden Sie mich nicht damit, aber man ist nicht immer ganz dabei beteiligt. Im übrigen werde ich vielleicht die Güte haben, Sie eines Tages auch von diesem Leben zu unterhalten, an dem Tage, an dem ich wissen werde, daß, während ich zu wissen glaubte, ich nur existierte; daß mein unaufhörliches, gesichtsloses Leiden mich am Ende bis auf mein eifriges Fleisch verzehrt haben wird; und daß ich, wenn ich dies weiß, nichts weiß, das ich nur schreie, wie ich immer nur geschrien habe. Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, Molloy.

TAKE 6 (JL) .c'était d'une part cette surprise extraordinaire d'avoir entre les mains dans une petite maison d'édition, qui n'existait pratiquement pas, des livres qui - tres évidemment pour moi - étaient des livres de la main d'un génie. C'étaient vraiment de livres tout a fait exceptionnels. C'étaient pour moi des choses aussi importantes que l'ouvre, que mes grandes admirations de l'époque, qui s'appelait Kafka, qui s'appelait Faulkner. C'étaient ça, les livres que j'estimais plus.je me disais que jamais j'aurais comme éditeur a les publier parce que il sont naturellement édités par d'autres. Et donc, la premiere émotion, c'est de les lire et la deuxieme, c'est de m'apercevoir que des livres aussi évidemment géniaux pouvaient passer entre les mains de nombreuses maisons d'édition pour commencer par les plus grandes sans etre tenu. Et c'est ce qui m'a fait dire que pour la premiere fois a ce moment-la, j'étais déja éditeur depuis deux ans, mais c'est a ce moment-la que je me suis dit < peut-etre, en effet, je pourrais faire vraiment une maison d'édition si mes confreres me laissaient une telle liberté >.
Es war einerseits diese unglaubliche Überraschung in einem kleinen Verlagshaus, das praktisch kaum existierte, Bücher in den Händen zu halten, die für mich ganz klar von der Hand eines Genies waren. Es waren wirklich ganz besondere Bücher. Für mich waren sie genauso wichtig wie das Werk, wie meine große Bewunderung der Zeit, wie Kafka, wie Faulkner. Ich sagte mir, dass ich sie als Verleger wohl niemals publizieren würde, weil sie natürlich von anderen verlegt werden würden. Die erste Emotion war also, sie zu lesen und die zweite, festzustellen, dass genauso geniale Bücher in die Hände von zahlreichen Verlagen gelangten konnten, ohne angenommen zu werden. Aufgrund dessen habe ich mir zum ersten mal in diesem Moment gesagt - ich war schon seit zwei Jahren Verleger - aber in diesem Moment habe ich mir gesagt : < Vielleicht könnte ich tatsächlich ein richtiges Verlagshaus gründen, wenn mir meine Kollegen eine solche Freiheit lassen würden. >

TAKE 7 (JL) . le second qui a joué un rôle tres, tres important, c'est Robbe-Grillet parce que nous avons commencé par publier ces livres. Nous avons été ami tres vite, tout de suite, et nous le sommes restés.
. c'est grâce a lui par les contacts qu'il avait a l'extérieur - il avait un côté tres social, trop sociable plutôt que je n'ai pas tellement. Moi, je ne suis pas tellement mondain, je ne dîne pas en ville, je ne vois pas tellement les gens en général et.ce qui est un défaut pour ce métier. Et lui, par contre, il voyait beaucoup de gens et donc, c'est grâce a Robbe-Grillet que par exemple Marguerite Duras a apporté aux Éditions de Minuit Moderato cantabile , son premier roman.
Der zweite, der eine sehr wichtige Rolle gespielt hat, war Alain Robbe-Grillet. Wir haben anfangs seine Bücher publiziert wir wurden sehr bald Freunde und sind es immer noch. Alain hat auch für den Verlag eine sehr wichtige Rolle gespielt, Dank der Kontakte, die er außerhalb hatte ; er hatte eine sehr soziale Seite, die ich nicht so sehr habe - Ich bin nicht so der Welt zugewandt. Ich gehe nicht in der Stadt essen, ich treffe normalerweise nicht so viele Leute.. was in diesem Beruf ein Fehler ist. Er dagegen traf viele Leute und Dank Robbe-Grillet hat z.B. Marguerite Duras ihren ersten Roman Moderato cantabile zu Editions de Minuit gebracht.

ZITAT 2: MODERATO CANTABILE
Anne Desbaresdes stand wieder auf und versuchte nochmals, über den Tisch hinweg, sich Chauvin zu nähern.
Vielleicht werde ich nicht so weit kommen, flüsterte sie.
Vielleicht hörte er nicht mehr. Sie zog ihr Jackett wieder über, knöpfte es zu, straffer, wurde abermals von demselben wilden Stöhnen geschüttelt.
Es ist unmöglich, sagte sie.
Chauvin hörte.
Eine Minute, sagte er, und wir werden so weit sein.
Anne Desbaresdes wartete diese Minute, dann versuchte sie, sich von ihrem Stuhl zu erheben. Es gelang ihr, sie stand auf. Chauvin blickte anderswohin. Die Männer vermieden es immer noch, ihre Blicke auf diese Ehebrecherin zu richten. Sie war aufgestanden.
Ich wünschte, Sie wären tot, sagte Chauvin.
Es ist so weit, sagte Anne Desbaresdes.

TAKE 8 (JL): C'est aussi - je me rappelle plus exactement dans quelle condition Claude Simon est venu aux Éditions de Minuit, -.- Le livre de Nathalie Sarraute, c'est grâce á Alain aussi, qu'il a été publié aux Éditions de Minuit dans des conditions tres amusantes parce que c'était Alain connaissait ce livre, qui était paru avant la guerre chez Denoël, et il avait demandé a Nathalie Sarraute, qui était déja éditée chez Gallimard a ce moment-la, qu'elle nous donne ce livre paru avant la guerre et qui n'avait jamais été réimprimé par Denoël. Et, Nathalie Sarraute, qui était quelqu'un de tres honnete vis-a-vis de son éditeur disait.< je regrette, mais je suis obligée de le présenter d'abord a Gallimard puisque c'est devenu maintenant mon éditeur > . Je lui ai dit que je comprenais tres bien son point de vue. Et ça a été une tres grande surprise pour moi, pour elle je pense aussi, de constater que Gallimard a refusé Tropismes et c'est comme ça que nous l'avons publié . Quand la Pléiade sur Nathalie Sarraute vient d'etre publier chez Gallimard il y a une raconte historique des rapports de Gallimard avec Nathalie Sarraute, mais il ne donne pas ce détail. Ils disent que le livre est paru aux Éditions de Minuit, mais ils ne disent pas dans quelles circonstances. En effet, il aurait du paraître chez Gallimard. Et, c'est absurde, parce que c'est ce livre emblématique de Nathalie Sarraute . le mot qui définie Nathalie Sarraute, c'est Tropismes.
Das Buch von Nathalie Sarraute, Tropismes , erschien bei Editions de Minuit unter sehr amüsanten Umständen. Alain kannte dieses Buch, das vor dem Krieg bei Denoël herausgekommen war. Und er fragte Nathalie Sarraute, die ja schon zu diesem Zeitpunkt von Gallimard verlegt wurde, ob sie uns dieses Buch geben würde, das seit dem Krieg von Denoël nicht wieder aufgelegt worden war. Und Nathalie Sarraute, die ihrem Verleger gegenüber sehr ehrlich war, sagte zu mir < es tut mir leid, aber ich muss es zuerst bei Gallimard vorlegen>, was ich völlig verstand. Ich sagte ihr, dass ich es sehr bedauerte.aber ich verstand ihren Standpunkt sehr gut. Und es war für mich, wie auch für sie, eine sehr große Überraschung festzustellen, dass Gallimard (ihr Buch) Tropismen ablehnte. Und so kam es, dass wir es verlegten. Als die Pléiade über Nathalie Sarraute gerade bei Gallimard herauskam, wurde nur gesagt, dass das Buch bei Editions de Minuit erschienen ist, aber nicht auf Grund welchen Vorfalls. Eigentlich hätte es bei Gallimard erscheinen müssen. Unbegreiflich, da es ein Schlüsselwerk ist, schon das Wort "Tropismen" allein steht für Nathalie Sarraute.

ZITAT 3 Nathalie Sarraute TROPISMEN
Manchmal, wenn sie ihn nicht sahen, konnte er ganz leicht - ein Versuch, um sich herum etwas Warmes, Lebendiges zu finden - mit der Hand über die Buffetsäule streichen . sie würden es nicht bemerken oder vielleicht glauben, daß er nur - eine sehr verbreitete und schließlich harmlose Manie - das Schicksal beschwöre, indem er "Holz berührt".
Fühle er hinter sich ihren beobachtenden Blick, so machte er wie die Missetäter in den burlesken Filmen, der im Rücken den Blick des Polizisten spürt und nun gleichgültig seine Tat zu Ende führt, ihr den Anschein der Unbefangenheit und Arglosigkeit gebend(.)
Auch die Dinge mißtrauten ihm sehr und schon sehr lange; seit er, noch ganz klein, sie für sich zu gewinnen suchte, seit er versucht hatte, sich an sie zu hängen, sich an sie zu drücken, sich an ihnen zu wärmen, weigerten sie sich zu "gehen", zu dem zu werden, was er aus ihnen machen wollte, "poetische Kindheitsgedanken". Sie waren recht abgemattet, die Dinge, gut abgerichtet, sie hatten das ausgelöschte, anonyme Gesicht von geübten Dienern; sie kannten ihre Rolle und weigerten sich, ihm zu antworten, zweifellos aus Angst, sie könnten entlassen werden.

ZTEXT 5: Trotz des spektakulären Erfolgs von "Warten auf Godot", 1953, schien die Zukunft des Verlags erst 1957 gesichert zu sein - mit der ersten literarischen Auszeichnung, dem Prix Renaudot, für Michel Butor.

TAKE 9 (JL) : Les années qui ont précédé Prix Renaudot étaient tellement difficile a nos yeux avec ce risque, je vous dis, d'arriver le 29 du mois et de ne pas savoir comment on va payer toutes les traites et les salaires le lendemain ou le surlendemain que je me suis toujours efforcé par la suite, d'avoir, comme on dit, une trésorerie a l'aise, c'est-a-dire, d'avoir un peu d'argent devant soi toujours, pour ne pas risquer de ne pas savoir comment on va finir le mois. C'est évidemment tres important aussi d'avoir cette aisance parce que ça vous donne une liberté beaucoup plus grande en ce qui concerne les choix des manuscrits.
Die Jahre, die dem Prix Renaudot voraus gingen waren in unseren Augen sehr schwer, mit dem Risiko zum 29ten des Monats zu gelangen und nicht zu wissen, wie am kommenden Tage alle Raten und Gehälter gezahlt werden sollten - oder am übernächsten Tag, dass ich mich von da an bemüht habe etwas < auf der hohen Kante > - wie man so schön sagt - zu haben, d.h. ein wenig Geld in Reserve zu haben, um nicht das Risiko einzugehen, am Monatsende nicht weiter zu wissen. Es ist selbstverständlich auch sehr wichtig diese Absicherung zu haben, denn so hat man eine größere Freiheit, was die Auswahl der Manuskripte betrifft.

ZTEXT 6: Jerôme Lindon sagt , daß er sich nie vorstellen konnte, ein Verleger für Menschen anderer Generationen zu sein. In den 80-er Jahren war er überzeugt, dass er zwar eine Chance hatte, mit einer Generation von großen Schriftstellern zu arbeiten, jemand anderer werde sich aber mit der nächsten befassen müssen. Doch nach dem Erstlingsroman von Jean Echenoz im Jahre 1979 kommt eine Reihe junger Autoren zu Minuit, die einige Kritiker zuerst als Vertreter des "nouveau nouveau roman" bezeichneten - nach Ansicht von Jérôme und Irene Lindon zu Unrecht. Neben Echenoz war vor allem die Rede von Jean-Philippe Toussaint, Christian Gailly, Christian Oster, Jacques Serena und Patrick Deville. Jérôme Lindon über die Unterschiede, die das Verlegen der neuen Generation gegenüber den "Klassikern" ausmacht:

TAKE 10 (JL) Dans les années 50, quels sont les auteurs qui font la réputation des Éditions de Minuit, c'est dans l'ordre chronologique Samuel Beckett, Nathalie Sarraute, Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet et Butor. C'est les 5 qui sont tres connus et qui font.qui permettent de parler du nouveau roman etc.
. Ce sont des écrivains qui étaient déja pour certains entre eux - c'était pas le cas pour Beckett, mais c'était le cas de Nathalie Sarraute et de Marguerite Duras, déja connus . c'étaient des gens qui avaient un certain age. Nathalie Sarraute était.avait donc a l'époque plus de 50 ans, elle avait meme 57 ans, Claude Simon avait aussi 45 ans, Samuel Beckett aussi. C'étaient pas des débutants, c'étaient des gens qui étaient en pleine position de leurs moyens, qui étaient des écrivains en pleine maturité. C'est beaucoup plus facile de repérer, fin de repérer, d'éditer des écrivains qui non seulement ont été publiés ailleurs, mais qui surtout sont en pleine position de leurs moyens.
C'est completement différent quand on édite des gens qui ont 20 ans, qui sont totalement inconnus et puis, eux meme ne sont pas arrivés a cette maturité a laquelle ils parviendront sans doute 10 ou 20 ans plus tard. C'est la, la deuxieme génération, ce sont des gens, qui, si on ne les publie pas quand ils commencent avec des ouvres qui sont imparfaites par rapport a ce qu'est Moderato cantabile ou Molloy - ce sont des ouvres de débutants et de début - il faut commencer parce que si on ne les publie pas ou bien ils sont pas publiés du tout, bien ils paraîtront l'autre jours a une autre maison d'édition et ça sera l'autre maison d'édition qui publiera ensuite normalement les ouvres importantes. 1'36 >
Donc, le rôle de l'éditeur est completement différent selon qu'on travaille avec les gens de la premiere catégorie ou de la seconde. C'était en réalité, il a fallu des circonstances exceptionnelles pour que les Éditions de Minuit puissent rassembler dans les années cinquante des écrivains aussi évidemment remarquables que tous ceux que je viens de vous citer.
. Aujourd'hui, je vous dis, la chose est beaucoup plus différente. Nous sommes en présence de manuscrits tres souvent, dont nous sommes conscients, qui sont imparfaits, mais on se dit, il faut faire conscience. C'est-a-dire qu'en fait, on choisi non pas un manuscrit mais une ouvre a venir, c'est ce qui est tres différent et ce qui comporte évidemment beaucoup plus de risques. Enfin malgré tout, on n'en prend pas tellement puisque, comme je vous dis, en gros, je crois qu'en 50 ans, on n'a pas publié 100 écrivains aux Éditions de Minuit de littérature, c'est-a-dire qu, il n'y en a pas eu en moyenne deux par an, alors que, on reçoit encore l'année derniere 2600 manuscrits, on en a publié un seul, celui de Laurent Mauvigner, qui s'appelle  Loin d'eux . C'est année, probablement ça va etre la meme chose : on publiera un seul livre sur les 2500 ou 3000 qu'on reçoit. Mais on lit, on a pris connaissance, enfin c'est Irene, des 3000 ce qui va assez vite pour la plupart des manuscrits qu'on reçoit, parce qu'on voit tout de suite si un livre est pour nous ou pas pour nous.
In den 50er Jahren bestimmen folgende Autoren den Ruf von Editions de Minuit: Samuel Beckett, Nathalie Sarraute, Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet und Michel Butor. Diese fünf sind sehr bekannt und erlauben vom Nouveau Roman zu sprechen. Einige dieser Schriftsteller waren schon bekannt - das war für Beckett nicht der Fall, aber für Nathalie Sarraute und Marguerite Duras - und sie hatten schon ein gewisses Alter. Nathalie Sarraute war damals über 50 Jahre alt, Claude Simon war 45 und Samuel Beckett auch. Sie waren keine Anfänger, sondern Leute im Vollbesitz ihrer Mittel und schriftstellerisch auf dem Höhepunkt. Es ist viel leichter Schriftsteller ausfindig zu machen, also zu verlegen, die nicht nur woanders publiziert wurden, sondern die vor allem im Vollbesitz ihrer Kräfte waren. Es ist etwas komplett anderes, Leute zu verlegen, die 20 sind, die völlig unbekannt sind und die selbst noch nicht diese Reife erlangt haben, die sie sicherlich 10 oder 20 Jahre später erreichen würden. Das sind Werke von Anfängern. Das ist die zweite Generation: Leute, die noch am Anfang stehen mit vielleicht unausgereiften Werken im Vergleich zu Moderato cantabile oder Molloy. Nun, die Rolle des Verlegers unterscheidet sich je nach dem, ob man mit Leuten aus der ersten oder zweiten Kategorie arbeitet. Heute ist es viel schwieriger. Sehr oft haben wir es mit nicht perfekten Manuskripten zu tun, aber man sagt sich dann, man müsse vertrauen. Man sucht ja nicht nur ein Manuskript aus, sondern ein zukünftiges Werk. Es birgt natürlich viel mehr Risiken. Nun ja, trotz allem riskieren wir nicht all zu viel, denn, wie ich schon sagte, haben wir ungefähr in 50 Jahren 100 Autoren bei Editions de Minuit herausgebracht. Das heißt, das sind im Schnitt gerade 2 pro Jahr. Obwohl wir im letzten Jahr 2600 Manuskripte erhalten haben, haben wir nur das von Laurent Mauvignier "Loin d'eux" veröffentlicht. Dieses Jahr wird es wohl wahrscheinlich das gleiche werden: wir publizieren eines von den 2500 oder 3000 Büchern, die wir bekommen. Aber man liest, man nimmt die 3000 zur Kenntnis, das macht Irene, was bei den meisten Manuskripten ziemlich schnell geht, man sieht sofort, ob ein Buch für uns ist oder nicht.

ZITAT 4 : Jean-Philippe Toussaint DAS BADEZIMMER
1. Als ich damit begann, meine Nachmittage im Badezimmer zu verbringen, gedachte ich nicht, mich dort einzurichten: nein, ich ließ da angenehme Stunden verfließen, sann in der Badewanne vor mich hin, mal angekleidet, mal nackt. Edmondsson mit Wohlgefallen mir zu Häupten, fand mich gelassener. Zuweilen war ich zu Scherzen aufgelegt, wir lachten. Ich redete mit weitausholenden Gesten, gab zum besten, daß die praktischsten aller Badewannen die mit Doppelrändern waren, mit schräger Rücklehne und senkrecht abfallenden Fußende, das den Benutzer der Verwendung einer Fußstütze enthebt.
2. Edmondsson dachte, daß es in meiner Weigerung, das Badezimmer zu verlassen, etwas Ausdörrendes gäbe, was sie jedoch nicht daran hinderte, mir das Leben zu erleichtern, indem sie mittels einer Halbtagsarbeit in einer Kunstgalerie für die Erfordernisse des Haushalts aufkam.
3. Um mich herum befanden sich Wandschränke, Handtuchrollen, ein Bidet.

TAKE 11 (JL) Ce qui compte essentiellement pour nous, c'est les commencement, c'est le premier livre d'un écrivain inconnu. C'est a la fois, ce qui est, disons, le plus difficile mais aussi le plus exaltant. C'est de faire de passer de l'immobilité au mouvement. C'est-a-dire de zéro a un. Ensuite, . passer de un a mille, c'est beaucoup facile. Il suffit, c'est comme un automobile, il s'agit de faire démarrer. Il faut un démarreur, ensuite, l'accélérateur c'est a la porté de tout le monde. Enfin, c'est une question d'argent. Quand quelqu'un est connu - .
notre rôle a partir de ce moment n'est plus essentiel. On pourrait imaginer pour En attendant Godot d'avoir des distributeurs automatiques dans le métro, les gens mettraient 40 Francs et ils tireraient et ils auraient le livre ; pas besoin d'un éditeur a ce stade la. Parce que la aussi, ce n'est pas un probleme de qualité d'ouvre. Il y a un moment ou l'ouvre est simplement une ouvre de l'esprit et un jour elle devient un produit de consommation. Et ça peut etre le cas pour de mauvais livres comme pour de bons, ça n'a aucun rapport.
Was für uns besonders zählt, ist der Anfang, das erste Buch eines Schriftstellers. Es ist gleichzeitig das schwierigste aber auch das begeisterndste - wie der Schritt von der Regungslosigkeit zur Bewegung, d.h. von 0 auf 1. Von 1 auf 1000, das dann ist viel einfacher. Man muss nur starten wie beim Auto. Man braucht einen Anlasser, das Gaspedal steht dann jedem zur Verfügung. Nun ja, das ist eine Frage des Geldes. Wenn jemand bekannt ist - ... spielen wir von diesem Moment an keine wesentliche Rolle mehr. Man könnte sich für Warten auf Godot vorstellen, dass es in der Metro Automaten gibt, die Leute würden 40 Francs hineinwerfen und sie hätten dann das Buch; ein Verleger wäre da unnötig, weil es auch hier nicht ein Problem der Qualität eines Werkes ist. Es gibt einen Augenblick, wo das Werk einfach ein Werk des Geistes ist und eines Tages wird es zum Gebrauchsartikel. Das kann bei schlechten wie bei guten Büchern der Fall sein, das spielt keine Rolle.

Anne Simonin:
TAKE 12 (AS)
. il y a toujours eu comme ça une sorte de méfiance envers la consécration, envers des choses qui étaient.qu'elles aient trop du côté de l' < establishment >. Je pense que Minuit est une maison qui a toujours su fonctionner en marge en ayant d'abord des choix structurels tres particuliers, l'indépendance financiere et il y a des tas de moment ou Jérôme Lindon aurait pu, je sais pas, augmenter le capital de sa maison, faire appel a des investisseurs extérieurs et il a toujours choisit l'autonomie par rapport notamment a la grande finance. Donc, ça je pense, c'est un choix qui n'est pas qu'un choix économique, qui conditionne un choix intellectuel parce qu'il a toujours été maître chez lui . il disait toujours qu'il ne se voyait pas la tete d'une grande maison.
Minuit, c'est 10 personnes.mais c'était 10 personnes en 1948 déja quand il arrive a la tete des Éditions de Minuit, et c'est 10 personnes en 2001. Donc, il y a un vrai choix de structure et qui va vraiment dans le sens de < Small is beautiful >.
Je crois qu'ils publient moins de textes aux jours d'aujourd'hui, dans l'année que dans les années 50. Ils ont toujours tourné autour de 12/13 textes, enfin ça n'a jamais été des programmes de publication délirants et justement, bon il dit toujours < Le trop de livres tue le livre > et donc il y avait une sorte non pas de malthusianisme, mais qu'il fallait savoir qu'on ne peut pas s'impliquer de la meme façon, quand on avait 50 auteurs, que lorsqu'on en publiait, je sais pas, 3 ou 4.
..er hatte immer eine Art Misstrauen gegenüber dem Sanktionierten, gegenüber Dingen, die eher in Richtung "establishment" gingen. Ich denke, Editions de Minuit ist ein Verlag, der es immer verstanden hat am Rande zu arbeiten bei einer sehr eigenen Organisationsstruktur und finanzieller Unabhängigkeit. Es gibt eine Menge von Momenten, in denen Jérôme Lindon das Kapital seines Verlages hätte vergrößern und sich an Investoren von außerhalb wenden können. Er hat aber immer die Unabhängigkeit gewählt, besonders in Bezug auf die Finanzen. Ich glaube also, dass dies nicht nur eine wirtschaftliche Wahl ist, da sie eine intellektuelle Wahl bedingt, weil er immer sein eigener Herr war. Er sagte immer, er könne sich nicht an der Spitze eines großen Verlagshauses sehen. Editions de Minuit besteht aus 10 Personen...aber 1948 waren es schon 10, als er an die Spitze des Hauses kam und 2001 sind es immer noch 10 Personen. Es handelt sich also um eine bewußte Wahl der Organisationsstruktur, was wirklich in Richtung "small is beautiful" geht. Ich glaube heute werden weniger Texte pro Jahr veröffentlicht als in den 50er Jahren. Es waren immer so um die 12/13 Texte. Na ja, was die Anzahl der Bücher angeht, war es nie atemberaubend. Er sagte immer "zu viele Bücher bringen das Buch um".. man kann sich nicht auf die gleiche Art für etwas einsetzten wenn man 50 Autoren hat wie wenn man 3 oder 4 veröffentlicht.

ZTEXT 7 : Einerseits versuchten sich die Editions de Minuit auf die Literatur des "Non-Engagement" zu spezialisieren, auf Werke ohne Bezug zur alltäglichen Wirklichkeit - so lautet zumindest ein häufiger Vorwurf der Kritiker -, die auf die Form fixiert sind, auf literarische Innovationen, die mit dem Blick auf den anspruchsvollen Leser herausgebracht wurden. Andererseits scheute der Verleger keine Konfrontation mit den Mächtigen, wenn das Geschehen seinen Werten widerspricht.

TAKE 13 (JL) Il est normal que les éditeurs soient a l'avant-garde de ce genre de combat. Alors, d'autant quand on a la chance, comme je vous l'ai dis, d'etre tres indépendant.en réalité, il y a de moins en moins d'éditeurs indépendant, n'est-ce pas, parce que la plupart des éditeurs ou ils appartiennent, enfin ils ont des cadres d'une maison avec une hiérarchie ou bien carement leur maison appartient a un groupe financier. Et donc, ils ne peuvent pas se permettre p.ex. de prendre une position anti-gouvernementale, parce que le patron en haut, il a besoin de gouvernement pour des subsides, pour des choses, qui n'ont pas forcément a voir avec l'édition. .ça va de soi, je veux dire, il n'y a pas de mérite spéciale quand on est éditeur a défendre la liberté de l'expression. c'est la moindre des choses.
Es ist klar, dass die Verleger in erster Reihe für diese Art von Kampf stehen. So sehr man also das Glück hat, wie ich schon sagte, völlig unabhängig zu sein...es gibt in Wirklichkeit immer weniger unabhängige Verleger, weil die meisten entweder einen hierarchischen Aufbau des Verlags haben oder weil ihr Verlag zu einer Finanzgruppe gehört. Also können sie es sich nicht erlauben gegen die Regierung Stellung zu beziehen, weil der Chef an der Spitze die Regierung zur Unterstützung braucht, für Dinge, die nicht unbedingt etwas mit dem Veröffentlichen zu tun haben. ...es versteht sich von selbst, meine ich, dass es für einen Verleger kein besonderer Verdienst ist, sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen. Das ist das mindeste [, was man tun kann].

ZTEXT8: Während des Algerienkriegs, als der Verleger sich für die Meinungsfreiheit setzte, wurden elf seiner Bücher polizeilich beschlagnahmt. Er wollte jedoch nicht nachgeben.

TAKE 14 (JL) Il s'agissait de dénoncer les pratiques de la torture en Algérie. Tortures qui étaient pratiquées par de l'armée française pour des raison d'efficacité qui est, bien entendu, tout a fait contraire a ce que nous reconnaissons comme les valeurs de la démocratie et des droits de l'homme. Alors, il se trouve qu'un jour - bon, j'avais commencé déja de publier des choses sur la guerre d'Algérie parce que ça me paraissait un probleme important - mais un jour on m'a apporté un manuscrit ou plutôt un dactylogramme de quelqu'un que je ne connaissais pas qui s'appelait Henri Alleg, et dont on me disait qu'il était en prison en Algérie et ce manuscrit racontait les tortures dont Henri Alleg avait été l'objet. Je me suis trouvé déja, ça, c'est un probleme tres délicat de savoir si le manuscrit qu'on m'a apporté et dont on me disait qu'il avait été écrit par un homme qui était en prison et qui, par conséquent, n'avait pas de machine a écrire - donc, ça avait forcément été retapé, redactylographié apres - si ce manuscrit était authentique ou pas. 1'25 > Parce que si je publiais un manuscrit qui était un faux, p.ex. une provocation de gens qui étaient de mes adversaires - le cas s'est produit a certains moments, on a eu des choses, des textes qui étaient des faux - si on publiait un faux, non seulement ne sert pas a la cause qu'on veut défendre, mais ça la sabote completement. Donc, il s'agissait de savoir si ce que disait Henri Alleg était vrai ou pas d'apres le texte. Et je sais que je me suis dit qu'en réalité on pouvait, enfin j'estimais peut-etre a tort, qu'on pouvait voir d'apres le texte si celui qui parlait disait la vérité ou pas. Et que finalement, je me rappelle aussi d'avoir fait la comparaison avec Beckett a l'époque, disait de meme que des la premiere seconde quand je lis Molloy je sais qu'il y a un écrivain qui dit la vérité.
Es ging darum, die Folterpraktiken in Algerien anzuprangern. Folter, die von der französischen Armee ausgeübt wurden, aus Gründen der Effizienz wohlgemerkt, was völlig dem entgegensteht, was wir an demokratischen Werten und Menschenrechten anerkennen. Eines Tages - gut, ich hatte schon begonnen Texte über den Algerienkrieg zu veröffentlichen, weil mir das als ein wichtiges Problem erschien - aber eins Tages brachte man mir ein Manuskript von jemandem, den ich nicht kannte und der Henri Alleg hieß. Man sagte mir, dass er in Algerien im Gefängnis war und dieses Manuskript von den Foltern berichtete, die Henri Alleg erfuhr. Es war ein sehr heikles Problem sicher zu sein, ob das Manuskript, das man mir gebracht hatte, echt war oder nicht. Der Mann saß im Gefängnis und hatte folglich keine Schreibmaschine; das Manuskript war also im nachhinein mit der Maschine geschrieben worden. Es kam schon vor, dass wir falsche Texte bekamen - wenn man ein Gefälschtes [Manuskript] veröffentlicht, dient das überhaupt nicht der Sache, für die man sich einsetzen will, es bewirkt sogar das Gegenteil . Man musste also herausfinden, ob das, was Henri Alleg dem Text nach sagte wahr oder falsch war. Und ich glaubte vielleicht zu Unrecht, dass man am Text sehen konnte, ob das die Wahrheit war oder nicht. Ich erinnere mich auch, dass ich damals einen Vergleich mit Beckett anstellte: wenn ich Molloy las, wusste ich sogar ab der ersten Sekunde, dass der Autor die Wahrheit sagte.

ZITAT 5: Jean-Paul Sartre im Herbst 1958 :
Vor ungefähr fünfzehn Tagen erschien in den Editions de Minuit ein Buch: La Question . Sein Autor Henri Alleg, inhaftiert in einem Gefängnis von Algier, schildert ohne überflüssige Komentare, mit einer bewundernswerten Genauigkeit, die "Verhöre", die er erduldet hat. Qualen durch Elektrizität, Qualen durch Wasser, wie zu Zeiten Brinviliers, aber mit technischen Perfektionen, die sich unserer Epoche aufdrängen. Ein Buch, von dem empfindlichen Gemütern abzuraten ist.
Mit La Question ändert sich alles. Alleg erspart uns Hoffnungslosigkeit und Scham, denn er ist ein Opfer und hat die Folter überlebt. Diese Umkehrung entbehrt nicht eines unheimlichen Humors. Es geschah in unserem Namen, daß er gemartert wurde, und wir finden seinetwegen endlich wieder ein wenig von unserem Stolz: wir sind stolz, daß er Franzose ist.

TAKE 15 (JL) Je me suis dis - moi, je crois que c'est vrai d'apres ce que je lis - et si c'est vrai, je pense que les officiers en question, qui savent que c'est vrai dans ce cas la, vont hésiter a m'attaquer parce que ils peuvent penser que j'ai une preuve. Et ils ne savent pas ce que j'ai. S'ils savent que c'est vrai et c'est-a-dire si j'ai une preuve, alors la, c'est tres risqué pour eux parce que non seulement ça va aller les faire condamner, mais ça va faire, a la cause qu'ils défendent, causer un préjustice considérable. Donc, a mon avis, faisons le premier pari : un que c'est vrai, deux que les officiers ne vont pas m'attaquer, ben, je publie. Et je prends ce risque, et de fait, c'est ce qui s'est passé. Et c'est-a-dire que j'ai été bien sur inculpé et le livre a été saisi, mais les officiers mentionnés n'ont pas voulu faire le proces parce que, tres évidemment, c'était vrai et ils pensaient que je le savais. Donc, ça c'est bien terminé..a votre demande, j'ai détaillé le résonnement, c'était effectivement, il s'agissait a ce moment-la de prendre un risque quand il était indubitable qu'ils mettaient en cause l'existence meme de la maison.c'est-a-dire, aussi l'ouvre des Samuel Beckett ou de Claude Simon etc. qu'on a publiés. Bon, ils auraient trouvé d'autres éditeurs, Beckett et Simon, mais pas les jeunes. Donc, c'était la aussi une responsabilité. En l'occurrence effectivement, j'ai été amené la a cause de la guerre d'Algérie a prendre des risques qui ne sont pas des risques normaux. Des risques normaux, c'est simplement de ne pas vendre les livres qu'on publie, ça c'est naturel.
Ich sagte mir "Ich glaube, dass das stimmt, was ich lese und wenn es wahr ist", dachte ich, "dass die in Frage kommenden Offiziere, die wissen, dass es in diesem Fall stimmt, zögern werden mich zu verklagen, weil sie denken könnten, dass ich Beweise hätte. Sie wissen nicht, was ich habe. Sie wissen, ob es wahr ist und d.h., wenn ich einen Beweis hätte, wäre es sehr riskant für sie, weil sie dadurch nicht nur verurteilt werden würden, sondern weil das auch der Sache, für die sie sich eingesetzt hatten, einen beträchtlichen Schaden verursachen würde.
Nun, wetten wir doch, dass das erstens wahr ist und zweitens, dass mich die Offiziere nicht verklagen würden. Also veröffentliche ich und nehme das Risiko auf mich. Und tatsächlich wurde ich angeklagt und das Buch beschlagnahmt, aber die genannten Offiziere wollten keinen Prozess, weil natürlich alles der Wahrheit entsprach und sie dachten, dass ich es wusste. Es ist also gut ausgegangen...

ZTEXT 9 : Das Manuskript von Henri Alleg "La question" wurde Lindon von dem Verleger René Julliard gebracht, der ihm genauestens erklärte, dass für einen kleinen Verlag war es weniger schlimm, Pleite zu machen, als für einen großen. Das galt auch für Zeitungen.

TAKE 16 (JL) . le manuscrit d'ailleurs dont je vous parle, La question d'Henri Alleg, m'avait été apporté par un éditeur, René Julliard, un grand éditeur de l'époque, qui m'expliquait a juste titre que c'était moins grave de faire faillite quand on avait une petite maison que quand on avait une grande. Et c'était vrai d'ailleurs, il avait raison. Et c'était vrai aussi pour les journaux a l'époque. Je sais bien que p.ex. un journal comme < Le Monde > n'a pas publié le mot < torture > pendant presque toute la guerre d'Algérie. C'était., ils s'appelaient ça < des sévices >. Comme ça, c'était moins dangereux, parce que effectivement, quand on saisit La question d'Henri Alleg, ce n'est pas grave, quand on saisit toute une édition du Monde a 500.000 exemplaires, ça coute évidemment beaucoup plus. C'est la ou on se rend compte que d'etre petit dans certain cas, ça vous donne.petit et indépendant. ça vous donne une force que n'ont pas les grands, surtout évidemment quand ils ne sont pas indépendants.
Ich weiß wohl, dass eine Zeitung wie z.B. "Le Monde" das Wort "Folter" während des gesamten Algerienkrieges nicht schrieb. Sie nannten dies "Brutalität". So war es ungefährlicher, weil es natürlich weniger schlimm ist, wenn La question von Henri Alleg beschlagnahmt wird, als wenn eine gesamte Ausgabe der "Le Monde" von 500.000 Exemplaren beschlagnahmt wird, das ist natürlich viel teurer. In diesen Momenten wird man sich bewusst, dass man in bestimmten Fällen klein und unabhängig ist. Das gibt einem eine Macht, die die Großen nicht haben, besonders wenn diese nicht unabhängig sind.

ZTEXT 10: Jérôme Lindon besteht darauf, dass der Algerienkrieg nur ein Intermezzo in der Geschichte von Editions de Minuit war. Wahrscheinlich war es das letzte Mal in der Geschichte Frankreichs, dass sich ein Drama dieser Bedeutung abspielte. Wenn man heute in der Opposition ist, meint der Verleger, dann geht es nicht um grundsätzliche Fragen. Aber damals ging es um die Existenz der französischen Demokratie. Nur einige Tage nach der Beschlagnahme in Paris, brachte der Londoner Verlag John Calder das Buch von Alleg heraus. Am ersten Wochenende wurden 25 000 Exemplare verkauft - mit der Überschrift: "Dieses Buch wurde in Frankreich verboten".

TAKE 17 (JL) De toute façon, il y avait des organisations de militants qui avaient reproduit aussi sous forme de journal La question apres la saisie. En fait, la police, ce n'était pas Hitler, je veux dire, meme dans la police il y a une justice aussi, des tas de gens qui nous considéraient avec une certaine indulgence, disons, c'est évident. Justement je le disais a l'époque de la guerre d'Algérie, ça n'était pas la meme chose que quand on avait a faire avec la Gestapo , c'était quand meme tout a fait différent.bon, risquer la prison au pire, mais on ne risquait pas sa vie.
Jedenfalls gab es militante Organisationen, die "La question" in Zeitungsform nach der Beschlagnahmung gedruckt haben. In der Tat war die Polizei nicht Hitler, in der Polizei gab es eine Menge Leute, die uns mit einem gewissen Wohlwollen bedachten - auch in der Polizei gibt es Gerechtigkeit. Gerade zur Zeit des Algerienkrieges war das nicht das gleiche wie zu der Zeit, als man es mit der Gestapo zu tun hatte, das war doch etwas völlig anderes... nun gut, im schlimmsten Fall riskierte man das Gefängnis, aber man riskierte nicht sein Leben.

ZTEXT 11: Auch im Frühjahr 1968 befand sich der Verlag im Zentrum des Geschehens.

TAKE 18+19 (JL): 18: Justement, 68, c'est typique déja. C'était.vous savez il y a une phrase je crois de Marx qui dit que la premiere fois (je sais plus exactement). l'histoire dit une chose la premiere fois sous forme de tragédie et la deuxieme fois sous forme de farce. 68, c'était tres sympathique et amusant, mais c'étaient des gens qui croyaient qu'ils étaient en train de refaire la révolution de 89. Ils avaient ce vocabulaire, mais en réalité il ne se passait rien de fondamental, ça n'a pratiquement rien changé.si ça a amélioré certaines des choses, mais je pense qu'on a gagné quelques années. Ça a été., si je vous dis quelque chose de positif. Mais, c'était - pour ceux qui faisaient 68 et qui démolissaient les pavés dans les rues et faisaient les barricades comme au 19 e siecle etc. - c'était, dieu merci, il y avait pas un seul mort sauf par accident. Mais il n'y a pas eu de condamnés non plus, je veux dire, il y a avait un préfet de police qui s'appelait Monsieur Grimaud, qui a passé tout son temps a éviter qu'il y ait justement des morts.
Gerade 68 ist da typisch. Wissen sie, es gibt da einen Satz von Marx, ich glaube, der sagt, die Geschichte zeigt sich das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. 68 war sehr toll und amüsant. aber die Leute glaubten, sie würden gerade die Revolution von 1789 wiederholen. Sie hatten das entsprechende Vokabular, aber in Wirklichkeit geschah nichts Wesentliches, es hat sich praktisch Nichts verändert...doch, es haben sich einige Dinge verbessert, aber es beschleunigte die Dinge nur um einige Jahre. Es gab, Gott sei Dank, keine Toten - außer durch Unfälle unter den 68ern, die mit Pflastersteinen randalierten und Barrikaden wie im 19. Jahrhundert aufstellten. Es gab auch keine Strafgefangenen. Ein gewisser Monsieur Grimaud, der Polizeipräfekt, hat seine ganze Zeit damit verbracht, zu vermeiden, dass es Tote gab.
19 Nous étions dans une situation tres particuliere parce qu'on venait de sortir le livre de Marcuse L'homme unidimensionnel et qui avait éte pris en quelque sorte comme livre emblématique par les manifestants, comme si c'était le livre qui expliquait 68, ce qui n'est pas le cas. Mais donc, c'est un livre qui était un bestseller pendant cette époque qui avait.toutes les librairies étaient fermées ou a peu pres, on ne vendait qu'un seul livre, c'était celui-la. Et donc, d'une certaine façon, on était au centre de 68 en tant qu'éditeur, mais en meme temps, moi, je me reconnais, je n'ai jamais participé á ça comme a une révolution. C'était plutôt une espece de grand défoulement, de gens que ça amusait beaucoup, qui d'ailleurs rentraient. tous ces étudiants faisaient des barricades et rentraient déjeuner chez leur parents et puis revenaient a l'apres-midi pour . ou allaient dormir chez eux., enfin tout le monde était tres content, on s'est beaucoup amusé pendant cette époque. Mais c'était pas la guerre d'Algérie et encore moins la résistance.
Wir waren in einer sehr außergewöhnlichen Situation, weil wir gerade das Buch L'homme unidimensionnel von Marcuse herausgebracht hatten, das in gewisser Weise von den Protestanten als programmatisches Buch aufgenommen wurde, als ob dieses Buch die 68-er Revolution erklären würde, was nicht der Fall war. Aber es war in dieser Zeit ein Bestseller...fast alle Buchhandlungen waren geschlossen, das einzige Buch, das verkauft wurde, war dieses. In gewisser Weise waren wir also als Verleger im Zentrum von 68, aber gleichzeitig gebe ich zu, dass ich mich daran nie wie an einer Revolution beteiligt habe. Es war vielmehr ein Art sich abzureagieren. Das machte den Leuten Spaß, ...all die Studenten stellten Barrikaden auf und gingen zum Essen nach Hause zu ihren Eltern und kamen am Nachmittag wieder zurück, oder sie schliefen sogar zu Hause..., letztendlich waren alle zufrieden, man hatte viel Spaß während dieser Zeit, aber das war nicht der Algerienkrieg und schon gar nicht die Résistance.

TAKE 20+0 (JL) 20: J'ai l'impression dans la vie que ce n'est jamais moi qui décidais de ce que j'ai fait. C'est les circonstances qui me paraissaient tellement évidentes . je me suis trouvé un moment dans le maquis, puis ensuite dans une maison d'édition, puis ensuite a publier des ouvres qu'on me proposait et de Samuel Beckett et puis d'Henri Alleg, puis bon. Et chaque fois je me suis simplement efforcé de bien accueillir les circonstances qui se présentaient a moi. J'ai surement du a de nombreuses reprises faire de ce qu'il ne fallait pas, mais dans d'autres cas j'ai eu la chance de faire le bon choix, quoi. J'aurais pu avoir une vie completement différente si on ne m'avait pas présenté les choix de cette façon.
Ich habe im Leben den Eindruck, dass ich nie entschieden habe, was ich tat.
Es waren die Umstände, die so offensichtlich waren, dass ich also eine Zeit lang im Widerstand war, dann in einem Verlag war und Werke veröffentlichte, die man mir anbot - von Samuel Beckett bis Henri Alleg. Und jedes Mal habe ich einfach versucht, auf die Umstände zu reagieren, die sich mir stellten. Ich habe sicher mehrmals das gemacht, was man nicht hätte tun sollen, aber in anderen Fällen hatte ich Glück eine gute Wahl zu treffen. Ich hätte ein komplett anderes Leben haben können, wenn man mir nicht die Wahl auf diese Weise dargelegt hätte.
0: J'ai pu pratiquement toute ma vie publier des livres que je voulais publier. Et c'est un privilege extraordinaire. J'ai toujours le sentiment que je fais parti du millionieme d'homme le plus privilégié au monde de faire le métier qu'on veut sans entrave.
Ich konnte praktisch mein ganzes Leben lang Bücher publizieren, die ich publizieren wollte. Und das ist ein außerordentliches Privileg. Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich einer der privilegiertesten Menschen der Welt bin, der den Beruf ausüben kann, den er will, ohne Einschränkung.

ZTEXT 12 : Jérôme Lindon starb am 9. April 2001. "Le Monde" zeigte auf der ersten Seite sein Bild mit einer Beckett- Photo im Hintergrund.
ZTEXT 13: Die Tochter des Verlegers, die jetzige Leiterin der Minuit, über ihre Anfänge und die Zusammenarbeit mit ihrem Vater:

TAKE 21 (IL)
On a pratiquement toujours été d'accord, mais il y a eu quelques exceptions notables et je dirais que c'était aussi également tres intéressant de parler quand on n'était pas d'accord. Bien sur, quand on était d'accord, c'était formidable parce que je n'ai jamais eu avec quelqu'un d'autre des conversations plus intéressantes que des conversations que j'avais avec lui sur des textes. Mais quand on n'était pas d'accord non plus, ça nous obligeait l'un et l'autre a argumenter de façon plus approfondie et c'était également tres intéressant.
Alors que, dans le temps, c'était lui, qui, lorsqu'il trouvait un texte intéressant a en parler depuis une dizaine d'années, c'est le contraire, et c'est moi, quand je trouve.quand je trouvais un texte intéressant je lui en parlais.
Wir sind uns eigentlich immer einig gewesen, aber es gab einige nennenswerte Ausnahmen und ich würde sagen, daß es genauso interessant war, wenn wir verschiedener Meinung waren, über diese Texte zu sprechen. Natürlich war es großartig, wenn wir uns einig waren, denn ich hatte mit keinem anderen interessantere Gespräche über Texte wie mit ihm. Wenn wir aber nicht gleicher Meinung waren mußten wir beide wesentlich tiefgründiger argumentieren und das war auch sehr interessant. Zu der Zeit war es er, der über einen Text sprach, wenn er einen interessanten gefunden hatte. Seit 10 Jahren ist es umgekehrt: wenn ich einen Text interessant finde, spreche ich mit ihm darüber.

ZTEXT 14 : Unter ihren Autoren vielleicht findet sie auch ihren Beckett. Irene Lindon hofft, dass mit der neuen Generation junger Schriftsteller, die (im Gegensatz zum hochgestochenen intellektuellen Stoff der Autoren des "nouveau roman") die erzählenden Geschichten für sich entdeckt haben, die Editions de Minuit die heutige Leserschaft erreichen können, ohne die Qualitätsstandards gefährden zu müssen, die ihr Vater gesetzt hatte.

TAKE 22 (IL) Et les nouveaux venus depuis une dizaine d'années, bien ils s'appellent Eric Laurrent, Laurent Mauvignier, Tanguy Viel, Hélene Lenoir, il y en a d'autres dont je ne parle pas parce qu'ils n'ont écrit qu'un seul livre. . Alors je ne parle pas des autres plus connu, qui sont Jean Echenoz, Christian Oster, Christian Gailly, qui, eux, sont des écrivains confirmés et bon, dans la notoriété, sauf pour Gailly, n'aient plus tellement a faire.
Die Neu-Hinzugekommenen der letzten 10 Jahren heißen Eric Laurrent, Laurent Mauvignier, Tanguy Viel, Hélene Lenoir und es gibt noch andere, über die ich jetzt nicht rede, weil sie nur ein einziges Buch geschrieben haben... Ich spreche nicht von den Bekannten wie Jean Echenoz, Christian Oster, Christian Gailly, die mittlerweile etablierte Autoren sind und für deren Bekanntheit, außer für Gailly, nicht mehr gesorgt werden muß.

ZTEXT 15 : Hélene Lenoir war die erste Entdeckung von Irene Lindon.

TAKE 23 (IL)
.c'est a peu pres en 1991/92, je crois le premier texte d'Hélene Lenoir, qui s'appelait La brisure , est paru en 92.
. quand le texte d'Hélene Lenoir est arrivé, j'ai trouvé ça tres, tres bien. Ce n'était pas précisément un roman, La brisure , c'était des petits textes, sur touts les themes de rupture que ce soit une rupture conjugale ou une rupture familiale ou des rapport mere-fille, des choses comme ça. Et ce n'était pas vraiment un roman, donc, a priori.je sais pas.c'est difficile ce qu'il aurait dit s'il avait été face au manuscrit, mais disons qu'il a été tres impressionné par l'écriture d'Hélene Lenoir et comme il a vu que je défendais ce travail avec opiniâtreté, bon, il s'est dit < allons-y, voyons >. Et de fait, c'est un premier livre qui s'est vendu a plus de mille exemplaires ce qui est tres, tres bien pour un premier travail d'une jeune femme totalement inconnue.
.Hélene Lenoir doit avoir 45 ans et c'est tres drôle parce que pendant des années.elle habite en Allemagne.donc, on a correspondu par téléphone et par lettre, et puis j'ai fais sa connaissance bien plus tard a Metz, un jour ou elle avait répondu a l'invitation d'un libraire. Donc, elle venait de Francfort et moi, je venais de Paris. On s'est rencontrer a la gare de Metz et on a sympathisé tout de suite. Ensuite elle a écrit deux autres livres qui ont beaucoup moins bien marché et puis en 98 elle a écrit un roman tout a fait extraordinaire, qui s'appelle  Son nom d'avant et qui a connu en France du moins un grand succes parce qu'il s'est vendu a 15.000 exemplaires. Je donne ces chiffres parce que 15.000 exemplaires pour quelqu'un qui commence, c'est tout a fait remarquable. Et a la rentrée de septembre on va publier d'ailleurs son 4 e livre qui s'appelle Le magot de momm et une fois de plus je dois dire que l'élégance de son écriture et la façon dont elle construit ses romans, est quelque chose qui me.non seulement qui me plaît énormément, mais qui me fascine parce qu'elle a un sens du détail et chaque phrase ou qu'on ouvre le livre on est toujours impressionné par la force et l'élégance de son écriture en meme temps. Elle peut passer d'une description tout a fait rigoureuse a des scenes de sensualité, enfin elle a quelque chose de tout a fait a part et qui, moi, me convient completement.
1992 erschien der erste Text von Hélene Lenoir "La brisure". Es ist kein richtiger Roman, sondern es sind kürzere Texte über alle Themen der Trennung, ob es sich um Trennung in der Ehe, familiäre Trennung oder die Mutter-Tochter-Beziehung handelt.... [Mein Vater] war von Hélene Lenoirs Art zu schreiben sehr beeindruckt und da er sah, daß ich mich für diese Arbeit hartnäckig einsetzte, sagte er sich "also wagen wir's". Und tatsächlich, dieses Erstlingsbuch hat sich mit mehreren tausend Exemplaren sehr, sehr gut verkauft - für die erste Arbeit einer jungen, völlig unbekannten Frau. ...Hélene Lenoir ist um die 45 Jahre alt, sie wohnt in Deutschland. Wir korrespondierten bis dahin per Telefon oder per Post - lernte ich sie viel später in Metz kennen, an einem Tag, als sie die Einladung eines Buchhändlers angenommen hatte. Sie kam also aus Frankfurt und ich aus Paris angereist. Wir trafen uns am Bahnhof von Metz und waren uns sofort sympathisch. Anschließend schrieb sie zwei weitere Bücher, die viel weniger gut gelaufen sind, und 98 schrieb sie dann einen wirklich großartigen Roman - "Son nom d'avant", der wenigstens in Frankreich einen großen Erfolg hatte und sich mit 15.000 Exemplaren verkaufte. . Und im September werden wir übrigens ihr 4. Buch "Le magot de momm" veröffentlichen. Noch einmal muß ich sagen, daß die Eleganz ihrer Schreibweise und die Art ihre Romane aufzubauen, etwas ist, das mich fasziniert. Sie hat einen Sinn fürs Detail und jeder Satz, bei dem man das Buch aufschlägt beeindruckt gleichzeitig durch die Kraft und die Eleganz ihrer Art zu schreiben. Sie schafft es, von einer äußerst genauen Beschreibung zu gefühlvoll, sinnlichen Szenen zu gelangen..., sie hat etwas wirklich außergewöhnliches und mir gefällt das unheimlich.

ZITAT 6 : Hélene Lenoir < Le magot de momm  >:
Na ja, wenn sie es doch versteckt hat, und zwar so gut versteckt... Jeweils drei oder vier Scheine von zwei oder fünfhundert hinter den Fotos in den Rahmen, die auf ihrer Komode ausgestellt sind. Ich hätte nie daran gedacht, und ausserdem suchte ich nicht nach Geld sondern nach Briefen, nach alten Briefen, die meiner Mutter gehörten. Sie war sich sicher, dass Momm sie ihr weggenommen hatte, dass sie Kartons geöffnet hatte, und das trotz des ausdrücklichen Verbots, sie auch nur anzurühren. Es stand drauf: Nann, Bindestrich, persönlich, mit dickem schwarzem Filzstift, kleine, fest verschnürte Kartons und es wäre besser gewesen, etwas anderes drauf zu schreiben oder sie zu überwachen, auf jeden Fall sie woanders hinzutun. Sie weiss es, meine Mutter, Momm hat schon immer in den Sachen der anderen herumgeschnüffelt, gekramt und gesucht, und wenn man sie in flagranti erwischt, was eher selten passiert, weil sie dabei professionell vorgeht, sehr geschickt und sehr diskret, aber wenn man es einmal beweisen kann, dass sie etwas genommen oder gelesen hat, entschuldigt sie sich, sagt, dass sie es nicht gewusst und dass sie gar nicht hingeschaut hätte, und dann fängt sie wieder mit ihrem Zirkus an, sie hätte schon immer das Eigentum und die Geheimnisse der anderen respektiert, und dass sie lieber sterben will, wenn man ihr nicht mehr vertraut, und dass ihr Leben keinen Sinn mehr macht wenn sogar ihre Tochter und ihre Enkelinnen, denen sie alles geopfert hat, nun auch noch blablabla...
Wanda fragte, was es denn für Briefe seien, und Mamma sagte nur: Briefe, die mir gehören, nur mir allein, sie wiederholte es, und das brachte sie nur noch mehr zum heulen. Und ich weiss nicht, was Momm damit gemacht hat, wahrscheinlich hat sie sie verbrannt, nachdem sie sie gelesen und verstanden hatte, warum sie so wichtig waren, für meine Mutter, Liebesbriefe nehme ich an. Es hat ihr einen besonderen Spass bereiten müssen, diese zu zerstören, sie muss sie verbrannt haben, ich habe sie ja nicht gefunden, aber die Knete, ich habe die Knete in den Fotorahmen auf ihrer Komode gefunden, die Scheine fein säuberlich versteckt hinter den Fotos ihrer alten Toten und all ihrer Lieblinge, die wohl Wache schieben sollen, und unter der Marmorplatte, die in irgendeinem Umzug kaputt gegangen ist, hatte sie zwei Umschläge mit ganzen sechstausend Piepen. Ich habe mich gefragt, wie sie es schafft die Platte zu bewegen, man ahnt gar nicht, wie schwer sie ist, ich hatte Schwierigkeiten, die Stücke wieder genau aneinander zu schieben.Vielleicht macht sie das nur einmal im Jahr, wenn wir alle ohne sie wegfahren und vorher alles abschliessen. Ende Januar, kurz nach der Geschichte mit den Briefen, hat uns Mamma Schlüssel für unsere Schubladen gegeben, und Momm macht seitdem immer mal wieder kleine Anspielungen, wagt aber nicht zu sagen, dass sie es bemerkt hat, weil sie damit zugeben würde, dass sie versucht hat, sie zu öffnen, unsere Schubladen. In ihrem Sekretär waren Sparbücher auf die Namen meiner Cousins ausgestellt, die blöden Bälger ihres Allerliebsten, ihres Ältesten, zu dem sie zwei mal im Jahr wegen der Geburtstage hinfährt, wie jetzt im Februar, da hatte ich endlich Ruhe, die Kleinen waren die ganze Zeit bei ihrer Freundin und meine Mutter nutzte die Gelegenheit, um noch öfter abzuhauen als sonst. Da war es, da habe ich die ersten Verstecke entdeckt, aber sie interessierten mich nicht, ihre Dollarscheine, unheimlich viele Dollarscheine im Innenfutter eines alten Pelzmantels, und Schweizer Franken, in alten Pralinenschachteln, die aussahen, als wären sie noch nie geöffnet worden, ich hab alles da gelassen, es waren ja die Briefe, die ich wollte, ich dachte ja noch nicht... aber nachher, als es anfing, das mit uns, und als du mir gesagt hast, bei dir, erinnerst du dich? Das erste Mal als du es mir gesagt hast, weil dein Bruder hinter der Tür uns mit Absicht nervte... Jetzt haben wir endlich unsere Ruhe... Ich habe bis Sonntag spät abends gesagt, das gibt uns mehr Zeit, denn Sonntag abend, werden wir weit weg sein, oder? Übermorgen, was denkst du, wo wir sein werden, wenn wir weiter so fahren? Meinst du, dass wir morgen das Meer sehen werden? Morgen wäre es vielleicht schon möglich... Und die Knete, ihre dreckige Knete, die gehört jetzt uns, sie gehört dir, sie wird sauber, sie wird rein, wenn du sie berührst, Dan, nimm sie, ich, ich will sie nicht behalten, ich kann nicht, ich schenke sie dir, nimm alles und nimm mich, lass mich nicht los Dan, halte mich fest! Du... du schläfst?

ZText 16 Hélene Lenoir < Le magot de momm >.
Irene Lindon sagte offen, dass sie persönlich großen Wert darauf legt, dass die Bücher im Vergleich zum "nouveau roman" zugänglicher werden.

TAKE 24 (IL) C'est vrai qu'ils sont plus lisibles. C'est pour ça que je parlais tout a l'heure en terme de vente parce que je trouve ça formidable ; a la fois qu'un auteur puisse apporter quelque chose de totalement novateur sur le plan littéraire et qu'en meme temps il ne soit pas rejeté par tous. Alors bon, peut-etre qu'on est revenu.bon, le nouveau roman a été vraiment la marque d'une époque et peut-etre les auteurs qui ont commencé apres le nouveau roman, a commercer par Jean Echenoz, sont revenu au plaisir de raconter une histoire.
Sie sind wirklich lesbarer. Deswegen habe ich vorhin vom Verkauf gesprochen, denn ich finde das phantastisch; ein Autor kann etwas völlig Neues, aus literarischer Sicht, machen und zugleich wird er nicht von allen abgelehnt.
Also gut, vielleicht ist man zurückgekehrt zu...na ja, der "Nouveau roman" war wirklich das Kennzeichen einer bestimmten Epoche und vielleicht sind die Autoren, die nach dem Neuen Roman begannen - angefangen bei Jean Echenoz, zu dem Vergnügen zurückgekehrt, eine Geschichte erzählen zu wollen.

ZTEXT 17 : Die Freude der Autoren am Geschichte-Erzählen ist allerdings für die Verlegerin der wohl einzige gemeinsame Nenner, was ihre Autoren sprachlich, stilistisch und thematisch verbindet. Wenn man überhaupt von Gemeinsamkeit sprechen kann, so, Irene Lindon, dann ist es eher eine Geistesverwandtschaft im weitesten Sinne sowie der Wille, nicht konventionell zu erzählen. Auf die Frage nach der Kontinuität zwischen den "Klassikern" und den heutigen Autoren, antwortet sie:

TAKE 25 (IL): J'espere que la continuité se fait au niveau de l'exigence de qualité chez les auteurs. Maintenant, les changements, ils ne se font pas forcément avec fracas parce que, je veux dire, rien de plus délicat qu'une écriture. . il y a forcément des changements, des évolutions qui viennent d'une nouvelle génération d'auteurs. Mais par définition je ne peux rien prévoir au niveau du programme éditorial puisque ça dépendra de ce qui arrivera et de ce que je choisirai. Et je pense que ça a toujours été comme ça. Alors maintenant il y aura aussi sans doute, .alors sur un plan plus large de l'édition.il y aura certainement des changements dans l'édition, dans les années qui viennent. La, ce ne sont plus des problemes littéraires, ce sont des problemes politiques sans doute. Alors, je ne sais pas comment. encore moins je sais comment les choses s'organiseront. Ce que j'ai envie de maintenir et c'est pour ça que j'ai accepté d'etre seule, enfin j'espere que je le serai pas toujours, mais si pour le moment les choses continuent, j'en avais parlé souvent avec mon pere et dans le sens de ce qu'il a toujours défendu pour autant, c'est-a-dire une exigence de qualité, pour autant je ne sais pas quelle forme elle prendra, cette qualité, dans les années qui viennent. Mais je pense qu'on publie toujours ce qu'on a envie de défendre et ces choses changent a chaque livre.
Ich hoffe, daß sich das Niveau der Qualitätsanforderungen bei den Autoren halten wird. Aber Veränderungen gehen nicht gezwungenermaßen mit Getöse vor sich; ich will sagen, es gibt nichts delikateres als das Schreiben. . Es gibt natürlich Veränderungen, Weiterentwicklungen, die von einer neuen Autorengeneration ausgehen. Aber was das Niveau des Verlagsprogrammes angeht, kann ich noch nichts sagen, denn das wird davon abhängen, was wir (an Manuskripten) bekommen und was ich auswählen werde. Es wird sich, gewiß, ... im Verlagswesen generell... vieles ändern müssen. Nun, ich weiß nicht recht wie... Dabei handelt es sich wohl nicht mehr um literarische, sondern ganz bestimmt um politische Probleme. An was ich festhalten will und ich habe darüber oft mit meinem Vater gesprochen, das sind die Anforderungen an die Qualität, wofür er sich immer mit aller Kraft eingesetzt hat. Und deswegen habe ich es akzeptiert alleine zu sein - na ja, ich hoffe, daß es nicht immer so sein wird - aber wenn es im Moment nur so geht. Um so weniger weiß ich, welche Formen diese Qualität in den kommenden Jahren annehmen wird. Aber ich glaube, man publiziert immer das, für was man sich gerne stark macht und diese Dinge ändern sich mit jedem Buch.

ZTEXT 18: Ein Beispiel für die Kontinuität im Hause Minuit ist der neue Roman des 88-jährigen Claude Simon "Le Tramway" (Straßenbahn) . Irene Lindon:

TAKE 26 (IL): Alors, c'est vrai que c'est tres différent. C'est différent de ses derniers livres Le jardin des plantes, L'acaia , disons.il y a un côté autobiographique, il y a le regard d'un homme agé qui se penche sur son passé, il y a.c'est vrai que c'est quelque chose d'extremement bouleversant qui est sans doute du bien sur a l'écriture de Claude Simon, mais aussi au fait qu'il arrive au terme de sa vie et qu'il se penche sur son enfance, sur sa mere et que sans doute, c'est quelque chose qu'on fait a ce moment la.qu'on ne fait pas par exemple dans Le tramway , on ne retrouve pas les ancetres de Claude Simon tel qu'ils sont décrits finalement dans tous ses livres, on ne retrouve pas la guerre, on ne retrouve pas.enfin la c'est quelque chose de plus intimiste, de certainement plus bouleversant, me semble-t-il. Et sans doute aussi beaucoup moins difficile a lire.
Es unterscheidet sich von Simons letzten Büchern " Le Jardin des Plantes , L'acacia ...sagen wir. Es gibt da eine autobiographische Seite. Es geht um den Blick eines alten Mannes, der sich mit der Vergangenheit beschäftigt...es ist in der Tat etwas sehr Erschütterndes, was sicherlich an Claude Simons Art zu schreiben liegt, aber auch kommt das von der Tatsache, daß er sich, ans Ende seines Lebens kommend, mit seiner Kindheit, mit seiner Mutter beschäftigt, und das ist etwas, was man in so einem Moment macht, ... allerdings findet man in "Le tramway" keine von Claudes Simons Verwandten, so wie er sie in allen seinen Büchern beschreibt, keinen Krieg. Hier gibt es etwas viel Intimeres, etwas sicherlich viel Erschütternderes, wie mir scheint. Und [das Buch] ist gewiß auch nicht viel schwerer zu lesen.

ZTEXT 19 : "LeTramway" von Claude Simon. Montpelier um 1924. Ein Fragment, das aus einer langen, scheinbar "objektiven" Beschreibung besteht, die ihren Höhepunkt in einem "subjektiven" letzten Halbsatz von großer emotionaler Intensität findet: "wo Mutter langsam wegstarb".

ZITAT 7: Claude Simon LE TRAMWAY :

Der Triebwagen, vorn und hinten aus gelb lackiertem Stahlblech, war etwa sieben Meter lang. Eingestiegen wurde beim Fahrer, der je nach Richtung den Führerstand wechselte. Der Mittelteil, in dem sich die Fahrgäste auf zwei Holzbänken gegenüber saßen, war außen mit senkrechten, braun lackierten Holzlatten verkleidet. Die beiden Werbetafeln über den Seitenfenstern sahen aus wie zwei aufgestellte Ohren: Rechts warb das Kaufhaus "Nouvelles Galeries", links wurden die Vorzüge der Schuhcreme (oder waren es Teigwaren? - ich weiß es nicht mehr) "Eclipse" gepriesen: Und tatsächlich verdeckte ein lächelnder Mond zu drei Vierteln das weinende Gesicht einer Sonne. Handgemalte Reklamesprüche wucherten im Übrigen an verschiedenen Orten der Innenstadt und sogar, völlig pietätlos, auf Denkmälern und anderen Bauten, am häufigsten "SUZE: Der Enzian-Aperitif"; der Name prangte in gelben, schwarz schattierten Riesenlettern auf olivgrünem Grund, wobei die ursprünglich grellen Farben mit der Zeit verwitterten und sich auf recht gefällige Weise zu einem einheitlichen Grau-in-Grau verbanden - und die des Konkurrenzgetränks BYRRH, in ebenso riesigen, jedoch weißen (ebenfalls schattierten) Lettern auf rosa Grund. Diese Art der Werbung, zugleich aggressiv und drollig-naiv (wie die lächelnden und weinenden Gestirne), verstieß zumeist gegen die amtlichen Vorschriften, wurde aber häufig gegen diskrete Zuwendungen geduldet (die großen Weinabnehmer, die jenen Aperitif herstellten, bildeten in der Gegend eine fast schon feudale Hausmacht). Wie Wildwuchs breitete sie sich auf den Wänden des renaissancebögenverzierten Rathauses und auf Brandmauern aus und gab der Innenstadt ein zwar nicht schmuckes, dafür aber kunterbuntes Aussehen, passend zu den leicht altmodisch wirkenden Werbekästen, die in den Zeitungen "Pilules Orientales" und ähnliche Allheilmittel anpriesen; zum Beispiel das Bild eines schnauzbärtigen Mannes, der sich seelenruhig (oder gar lächelnd?) einen Eisenkeil, wie sie von Holzfällern zum Spalten von Baumstämmen verwendet werden, in den Schädel hieb. Der Keil war bereits recht tief eingedrungen. Darunter stand: "Hämmern Sie sich das gut ein". Oder noch ein Schnauzbärtiger, im Trikot, der sich das Kreuz hielt. Seine schmerzgekrümmte Haltung war so eindeutig, dass der Hinweis auf die Tugenden eines Wunderbalsams eigentlich überflüssig war.

Auf dem nach allen Seiten offenen Beiwagen dagegen gab es keine seitlichen Reklametafeln. Er wurde auch nur im Hochsommer an den Triebwagen angehängt, wenn die Massen an besonderen Feiertagen, wie zu Mariä Himmelfahrt, den Strand in Beschlag nahmen - dem die Familie, bis hin zu den Bekannten, in dieser Zeit selbstverständlich fern blieb, denn, ob Mieter oder Eigentümer einer Sommervilla, man kehrte zurück in die Stadt: Der Pöbel des "Volksstrandes" drängte wieder einmal über sein bretterbegrenztes Territorium hinaus. An diesen Tagen gleißenden, wie von jeglicher Farbe gebleichten Himmelslichts konnte man die zehnminütige Zugfolge beobachten (die Straßenbahngesellschaft erhöhte nämlich feiertagsgemäß die Frequenz auf das Vierfache). Und da kamen sie, die Triebwagen, im Schleppzug die offenen, vorhangbekränzten, durch den Fahrtwind beflügelten Beiwagen mit ihrer fröhlichen - oder schon weinseligen - Fracht, aus denen Lärm und Gesang erscholl, schwellend und schwindend, wie ein Echo, erst fern, dann - an der Brombeerallee - ganz nah, und schließlich zwischen den Kiefern verhallend und den staubbedeckten Lorbeerbüschen, den schwertlilienumrandeten Blumenbeeten wie ein Lebewohl hinterlassend, in den Park entschwindend, wo, auf dem mit einer geblümten Decke überzogenen Liegestuhl einer Vogelscheuche ähnlich, von einem schattigen Platz zum nächsten über die Kieswege geschoben, Mutter langsam wegstarb.

TAKE 27 (IL): Le tramway est sorti au printemps et a également.et ça me fait plaisir pour lui.et pour nous bien sur, mais surtout pour lui, de voir qu'alors, pendant tres, tres longtemps il a été perçu comme un auteur difficile malgré son prix Nobel, donc malgré cette reconnaissance internationale. Il est maintenant considéré en France comme un tres grand écrivain et qu'on lit. Il a eu une presse formidable, des critiques tres bonnes, et parmi d'ailleurs un public de critiques tres jeunes, ça aussi c'est tres réconfortant, parce que dans des journaux.ce n'est pas uniquement les institutions qui ont parlé de Claude Simon, c'est un renouvellement de la critique dans des journaux ou ce n'est pas évident de parler de Claude Simon. Et donc, je trouve ça tres bien.
"Le tramway" kam im Frühjahr heraus. Das freut mich für Simon und für uns natürlich, aber vor allem für ihn, zu sehen, daß er, der sehr lange Zeit als ein schwieriger Autor galt - trotz seines Nobelpreises, also trotz dieser internationalen Anerkennung, daß er in Frankreich jetzt als ein großer Schriftsteller gilt, der gelesen wird. Er hat eine sehr gute Presse und Kritiken gehabt, und das übrigens in einer sehr jungen Kritikerschaft; auch das stärkt sehr, denn in den Zeitungen...es waren nicht nur Institutionen, die über Claude Simon sprachen, ...in den Zeitungen, wo es nicht selbstverständlich ist, von Claude Simon zu sprechen, ist eine Erneuerung zu erkennen. Und das finde ich sehr gut.

ZTEXT 20: Während ich mich mit Irene Lindon unterhalte, klingelt das Telefon. Sie antwortet sehr geduldig auf die Fragen eines Lesers, der wissen möchte, welche Bücher sie selbst interessant findet, ohne dass er weiß, mit wem er spricht. Später erzählt sie: "Freitag-Nachmittag haben unsere Mitarbeiter frei. Aber es macht mir nichts aus, einfach mit den Lesern zu sprechen". Wie ihr Vater, über den Anne Simonin sagt, dass er zwar ein sehr förmlicher, zugleich jedoch ein sehr zugänglicher Mensch gewesen sei:

TAKE 28 (AS):  Pendant il se promenait dans la maison, des fois il descendait quand il n'avait pas de manuscrits a lire et il y a des gens qui passent déposer des manuscrits aux Éditions, et donc il discutait avec les gens. Alors, il y avait des personnes qui ne savaient pas que c'était Jérôme Lindon. Et je peux vous assurer pour connaître un peu d'autres maisons d'édition que c'est tres, tres rare d'avoir un président-directeur général qui parle au secrétariat avec des gens qui sont des inconnus, qui viennent déposer un manuscrit. Et donc, il y avait des choses qui avaient le don de le mettre en fureur quand on réduisait les Éditions de Minuit a Marguerite Duras L'amant ou a Jean Rouaud p.ex. pas parce qu'il avait toujours l'impression qu'on n'aimait pas ces textes la - parce que je pense que c'était des textes qu'il aimait beaucoup - mais il avait toujours envie de dire aux gens < mais il y a autre chose que ça derriere, ça ne peut pas etre simplement deux auteurs >.
Während Jerome Lindon im Haus herum lief, kam er manchmal herunter, wenn er keine Manuskripte zu lesen hatte und Leute kamen, um ihre Manuskripte bei Editions de Minuit abzugeben. Und er diskutierte mit den Leuten. Es gab da Personen, die nicht wußten, daß er Jérôme Lindon war. Und ich kann Ihnen versichern, daß es sehr, sehr selten ist - wenn man andere Verlage kennt - daß der Direktor sich im Sekretariat mit unbekannten Leuten unterhält, die kommen, um ihr Manuskript abzugeben. Nun gut, es gab Dinge, die ihn wütend machten: wenn man Editions de Minuit auf Marguerite Duras "L'amant" oder auf z.B. Jean Rouaud reduzierte. Nicht daß er diese Texte nicht mochte. Denn er mochte diese Texte sehr, aber er wollte immerzu den Leuten sagen "aber da ist mehr dahinter, es können doch nicht nur zwei Autoren sein".

ZITATE (deutsch)

1. Samuel Beckett Molloy dt.: Erich Franzen Suhrkamp 1966
2. Marguerite Duras, Moderato cantabile , dt.: Leonharda Gescher und
W.M. Guggenheimer, Suhrkamp 1985
3. Nathalie Sarraute Tropismen , dt.: Max Holzer, Suhrkamp 1972
4. Jean-PhilippeToussaint Das Badezimmer , dt.:Jürgen Hoch, Carl Hanser 1987
5. Henri Alleg La Question . Dt.: Die Folter , Verlag Kurt Desch Wien 1958

Speziell für diese Sendung wurden Ausschnitte aus folgenden Werken übersetzt

6. Helene Lenoir, Le Maggot du momm , von Judith Hardt
7. Claude Simon, Le Tramway , von Martine Müller und Roland Raymond